Mit Glücksgefühlen gegen Flüchtlingspolitik

Aufgewachsen in der klaren Bergluft des Montafon unter nationalistisch gesinnten Menschen fand Georg Friedrich Haas, dass rassistische Grausamkeit nur dadurch möglich sei, dass Mitgefühl unterdrückt wird. Eigene Gefühle zuzulassen, zu kultivieren und im Gegenüber zu erwecken wurde für ihn zur politischen Aussage. Dem 1953 in Graz geborenen Komponisten widmete das Ensemble Modern sein jüngstes Werkstattkonzert „Happy New Ears“ im Holzfoyer der Oper. …weiterlesen

Musikalische (Bio-)Diversität

Das One Earth Orchestra im Dialog mit Musikkulturen Südamerikas (Februar 2017)

 

Von Beruf ist Volker Staub Komponist. Darüber hinaus sagt er mit Albert Schweitzer: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“. – „Ich liebe Natur“, sagt Staub, „vor allem ihre unendliche Variation: Das Prasseln des Regens klingt einförmig und besteht dennoch aus unendlich vielen Klangereignissen, die sich nie wiederholen. …weiterlesen

Otzberg vocal

Otzberg vocal – neue Konzertreihe in Otzberg-Zipfen (2017)

 

An ihrem Wohnort am Odenwald-Nordrand hat Ingrid Theis die „Otzberger Sommerkonzerte“ gegründet, ein einzigartiges kleines Kammermusik-Festival im September mit außerordentlichem Erfolg. Mit “Otzberg vocal” hat sie im vergangenen Jahr eine neue Konzertreihe ins Leben gerufen. Weil sie, wie sie sagt, Gesang liebt, unglaublich gute Sänger/innen kennt, Liederabende bei anderen Veranstaltern zu kurz kommen und es auch bei den „Otzberger Sommerkonzerten“ keinen Platz dafür gibt. „Und weil uns seit 2015 auf der Hofreite Zipfen ein eigener Konzertsaal zur Verfügung steht. So können wir das ganze Jahr über Konzerte veranstalten – und sind nicht mehr zu bremsen!“. Ort und Uhrzeit der Konzerte – sie finden jeweils an einem Samstag zwischen Februar und Juni um 17 Uhr in Otzberg-Zipfen, Hauptstr. 5 B statt – lassen sich wunderbar mit einem Ausflug in den Odenwald und einem Besuch der Veste Otzberg mit ihrem gigantischen Blick über das gesamte Rhein-Main-Gebiet verbinden. Im ersten, am 4. Februar, singt der feinsinnige Tenor Jan Kobow Schuberts „Die schöne Müllerin“, der Schubert-Zeit entsprechend in Begleitung eines Hammerflügels. Jan Kobow hatte “Otzberg vocal” im Februar 2016 mit Schuberts „Winterreise“ eröffnet. „Das Konzert war schnell ausverkauft, das Publikum restlos begeistert. Besonders auch wegen des Hammerflügels“, meint Intendantin Ingrid Theis.

Ebenfalls zum zweiten Mal zu “Otzberg vocal” kommt der Countertenor Daniel Gloger. „Sweeter than Roses“ ist sein Konzert am 18. März überschrieben. Seine Schwester Ninon wird ihn am Klavier begleiten und er wird nicht nur als Countertenor, sondern auch als Bariton zu hören sein. „Ja, das ist ein Programm der Kontraste“, lacht Ingrid Theis. „Er wird Lieder aus dem Barock, aber auch von zeitgenössischen Komponisten singen. Und weil ich auch seine tiefe Stimme so mag, habe ich ihn überreden können, auch die Volklieder von Brahms als Bariton zu singen. Das ist auch für ihn eine Premiere!“. Am 29. April geht es um einen Komponisten, den kaum jemand kennen dürfte: Johann Vesque von Püttlingen. 1803 in Galizien geboren, lebte er in Wien als Jurist, der auch komponierte. „Und er war (wie ich) Heinrich-Heine-Fan“, sagt Ingrid Theis. „Im Radio hatte ich zufällig einige unbekannte Heine-Lieder gehört, gesungen von dem bekannten Tenor Markus Schäfer – und ich war total begeistert, wie grandios hier Heines hintersinniger Sprachwitz umgesetzt wurde, vom Komponisten wie vom Sänger! Es waren Auszüge aus dem mit 88 Liedern größten (und unbekanntesten!) Liederzyklus aller Zeiten, nämlich Heines Heimkehr, vertont von Püttlingen. Als ich Markus Schäfer fragte, ob er bei Otzberg vocal an einem einzigen Tag den gesamten Zyklus singen wolle, war er zunächst sprachlos. Das hatte ihm noch kein Veranstalter vorgeschlagen. Und dann hat er freudig zugestimmt“. Weil das etwas länger dauert, gibt es an diesem Tag drei Konzerte: um 15, 17 und 19 Uhr.

Weil sich das Otzberger Publikum bisher so erfrischend aufgeschlossen gezeigt hat, wagt Ingrid Theis ihm auch in den beiden Liedkonzerten in Mai und Juni ein eher selten gehörtes Repertoire zuzumuten. „Der Hirt auf dem Felsen“ ist das Konzert am 27. Mai mit Liedern und Arien von Louis Spohr, Matyas Seiber, Franz Schubert und Mozart überschrieben, in dem das klassische Klavierlied-Duo mit einer Klarinette erweitert wird. Natürlich erklingt darin auch das wunderschöne namensgebende Schubert-Lied.

In Brahms‘ Zyklus „Die schöne Magelone“ ist es ähnlich: Man braucht zusätzlich einen Schauspieler, der das Märchen von Ludwig Tieck liest, in das die Lieder eingebettet sind. „Dass sich der Schauspieler Udo Samel bereit erklärt hat, den Text bei uns zu lesen, darauf bin ich besonders stolz!“, sagt Ingrid Theis über das letzte Konzert ihrer Reihe am 17. Juni.

DORIS KÖSTERKE

http://www.otzbergvocal.de

 

Fazıl Say

Fazıl Say als Pianist mit dem SWR
08.04.2017

 

Das zweite Klavierkonzert von Camille Saint-Saëns ist nicht eben ein Bekenntniswerk. Aber aufgeführt von Fazıl Say bekam es diese Züge: die Solo-Einleitung klang unter seinen Händen in der Mainzer Rheingoldhalle einmal nicht wie romantisierter Bach, sondern kraftvoll und klar, mit unverstelltem Blick für die Substanz.

Sein Zusammenspiel mit dem SWR Symphonieorchester war aufmerksam und achtungsvoll, seine Virtuosität frappierend, seine Bescheidenheit beeindruckend. Er hatte sich das Stück in einem Maße „zu Eigen gemacht“, dass es fast egal schien, was er spielte, weil man aus dem Wissen um sein aufrechtes politisches Engagement vor allem als Meta-Botschaft empfand: ich habe etwas zu sagen und sage es. Wer anderer Meinung ist, darf es bleiben. Seine erste Zugabe, ein effektvoll orientalisch eingefärbtes Stück Unterhaltungsmusik, war seine eigene Komposition „Black Earth“. Die zweite eine Improvisation über Mozarts „Rondo alla turca“, geistreich-witzig, mit vielen Jazz-Elementen als Bekenntnis zum musikalischen Weltbürgertum.

Vorbereitet war das Event seines Auftritts von einer passablen Interpretation von Mendelssohn Bartholdys „Sommernachtstraum“, wobei man den Eindruck hatte, dass manche musikalische Geste sich (noch) fantasievoller und sprühender hätte vermitteln können, wenn der überaus sympathische, auswendig dirigierende Däne Michael Schønwandt sich ab und an mehr Zeit genommen und darüber hinaus das Orchester mehr dazu genötigt hätte, auf ihn zu achten.

Hauptwerk des Abends war die Fünfte Sinfonie op. 50 von Schønwandts Landsmann Carl Nielsen (1865-1931), eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg und laut dem (nicht-dänischen!) Musikologen Deryck Cooke die größte Symphonie des 20. Jahrhunderts überhaupt: Schockierend das Einfallen der neben dem Orchester positionierten Militärtrommel. Dramatisch, wie die Hörner sich dagegen durchsetzen und wie das Orchester es letztlich schafft, sich über die Barbarei hinwegzusetzen. Heikel, wie es, im zweiten Teil des Werkes mit neu entstandenen Zwängen und Konflikten kämpft, um schließlich über eine vornehmlich von den Bläsern vermittelte melodische Kraft einen neuen inneren Frieden zu finden.

DORIS KÖSTERKE