Rostropowitschs Erbe, hochaktuell

Als Russe hat Mstislav Rostropovich (1927-2007) den Systemkritiker Solschenizyn bei sich aufgenommen. Repressalien und Ausbürgerung nahm er dafür in Kauf. Slava, wie seine Freunde ihn nannten, hat auf der zerschlagenen Berliner Mauer Cello gespielt und ist beim Putschversuch gegen Gorbatschow im August 1991 nach Moskau gereist, um für Demokratie zu sprechen. Was hätte er, der einmal gesagt hat, er möge Putin, heute getan? …weiterlesen

Happy New Ears für Junges Polen

Frankfurt . Alle vier Stücke junger polnischer Komponisten, die der dänische Komponist Simon Steen-Andersen im Rahmen des Werkstattkonzerts Happy New Ears des Ensemble Modern in Halle 1 des Frankfurt LAB vorstellte, waren thematisch an Außermusikalischem aufgehängt.

Marta Śniady

Werbeversprechen in Verbindung mit schlüsselreizhaft geschminkten Mädchenmündern waren Thema in der Komposition für Ensemble, Video und Audio Playback (2018) von Marta Śniady (*1986). Der Titel, “probably the most beautiful music in the world” war zweifellos ironisch gemeint. Denn die Musik schien das auf der Leinwand Präsentierte eher zu konterkarieren.

Monika Szpyrka

Auch choreographisch durchkomponiert war „collect.consume.repeat“ für vier Darsteller und Audio-Playback von Monika Szpyrka. Darin verbanden sich Feminismus und Kritik an der Wegwerfgesellschaft mit Spott über gewohnheitsmäßige Automatismen: die beiden Perkussionistinnen Yu-Ling Chiu und Špela Mastnak fahren mit ihren Bewegungen auch dann noch weiter fort, als ihre männlichen Kollegen ihnen längst die Instrumente unter den Händen weggetragen hatten.

Rafał Ryterski

“Genderfuck” hat Rafał Ryterski sein Stück für Schlagzeug solo (restlos überzeugend: Rainer Römer) und Video überschrieben. Das Video zeigte eine rasch aufeinandergeschnittene Chorographie von Piktogrammen: Geschlechterklischees, wie ein Kontinuum an hochhackigen Pumps in allen Farben, wechselte mit Kreistänzen der verschiedenen Mischformen aus den Symbolen für männlich und weiblich, mit denen zahlreiche Gruppierungen gegen traditionelle Geschlechterrollen aufbegehren, sowie mit Piktogrammen der Instrumente, die Rainer Römer bediente. Besonders witzig war das der Kickdrum, das sich synchron zu jedem Schlag ausdehnte und zusammenzog.

Paweł Malinowski

Paweł Malinowski erinnerte mit „Robotron” für Ensemble und Sampler an den Computer-Hersteller der ehemaligen DDR, mit dessen Rechnern das Ministerium für Staatssicherheit („Stasi“) die Bevölkerung überwachte. Robotron stellte auch Synthesizer her, aber die taugten nicht viel, wie Malinowski im Kontrastieren historischer Aufnahmen (Klangregie: Norbert Ommer) mit den Live-Klängen des groß besetzten, von Toby Thatcher durchsichtig dirigierten, in vier Klanggruppen im Raum verteilten und  Ensembles vor Ohren führte: Menschen zu überwachen scheint ein Kinderspiel gegenüber dem Schaffen von Musik.

Das Konzert war aus verschiedenen Gründen, darunter Corona, über Jahre hinweg verschoben worden. Mit Ausnahme der von Monika Szpyrka erlebten alle 2018 entstandenen Kompositionen hier, in der Reihe “curtain_call” der International Composer & Conductor Seminars (ICCS) im Rahmen der Nachwuchsarbeit des Ensemble Modern, ihre Deutsche Erstaufführung.

Wie leben wir? Wie wollen wir leben?

Im Gespräch mit Kurator Steen-Andersen und drei der Komponisten lag auch für Moderator Paul Cannon die Frage auf der Hand, warum so viele Polen ausgerechnet zu Steen-Andersen ins dänische Århus kommen. Die Polen seien handwerklich alle sehr gut ausgebildet, sagte Steen-Andersen dazu. Er ermutige sie nur dazu, sich selbst zu sein. Marta Śniady erzählte, sie sei voller Hemmungen nach Århus gekommen und regelrecht aufgetaut, als es dort zunächst einmal gar nicht um Musik gegangen sei, sondern eher um Fragen, wie: Wie leben wir? Wie wollen wir leben? – Die sollten in jeder Kunst gestellt werden, auch in der Musik.

DORIS KÖSTERKE
12.4.2022

Schumann-Kammermusikpreis 2022

Frankfurt – Ursprünglich waren 16 Ensembles zum Wettbewerb um den Internationalen Schumann-Kammermusikpreis für Klaviertrio und Klavierquartett angetreten. Drei von ihnen spielten im Finalkonzert im Mozart Saal der Alten Oper.

Dank dem Frankfurter Bürgersinn, in dem Musikhochschule, Schumann-Gesellschaft, Dr. Marschner Stiftung und Museums-Gesellschaft sich zusammentaten, konnte der 2008 begründete Wettbewerb zum vierten Male stattfinden.
Wettbewerbe sind für junge Musiker enorm wichtig: Wenn die Preisgelder längst in weiteren Meisterkursen verdunstet sind, stehen die gewonnenen Preise noch immer an erster Stelle der offiziellen Biographien.

Amelio Trio

Dass die Jury den ersten Preis (8000 Euro) dem Amelio Trio (mit den augenscheinlich jüngsten Mitgliedern) zuerkannte, hatte möglicherweise auch pädagogische Gründe. Während Cellistin Merle Geißler emotional souverän schien, wirkten Johanna Schubert (Geige) und Philipp Kirchner (Klavier) eher so, als wollten sie hochgesteckten fremden Idealen entsprechen. Schuberts Klaviertrio B-Dur op. 99, D 898 war auch an solchen Stellen aufgeladen, die in ausgereifteren Interpretationen gerade dadurch erschüttern, dass sie sonnig-naiv daherkommen. Erst im schwebenden Teil vor der Schluss-Stretta im Finalsatz hatte man das Gefühl: Nun spielen nicht sie die Musik, sondern die Musik spielt sie.

Trio Orelon

Genau diesen Eindruck vermittelte das Trio Orelon durchweg. In diesem Ensemble schien auch das Klavier (Marco Sanna) am besten in den Klang der beiden Streicher Judith Stapf (Violine) und Arnau Rovira Bascompta (Violoncello) integriert. Bei höchster kammermusikalischer Intensität und Emotionalität in Brahms‘ 1889 revidiertem Klaviertrio Nr. 1 verschmolzen alle drei auch immer wieder zum typisch Brahms‘schen breiten Klangpinsel. Verdienterweise wurde dem Trio Orelon der mit 2000 Euro dotierte Sonderpreis der Robert-Schumann-Gesellschaft Frankfurt für die beste Interpretation eines Werkes von Robert Schumann oder seiner Weggefährten zuerkannt.

Trio Delyria

Um die qualitative Nähe der beiden Ensembles deutlich zu machen, wurde der Zweite Preis (6000 Euro) zwischen dem Trio Orelon und dem folgenden Trio Delyria geteilt. Ein dritter Preis wurde nicht vergeben.

Das Trio Delyria aus dem Geiger David Strongin, dem Cellisten Uriah Tutter und dem Pianisten Elisha Kravitz bestach durch seine konzeptionell durchdrungene, kraftvoll-energetische Herangehensweise insbesondere an die „4 Miniaturen für Violine, Violoncello und Klavier“ von Johannes Maria Staud. Bei den anderen beiden Ensembles waren die zeitgenössischen Kompositionen bei allem sichtlichen Einsatz eher blass geblieben. In Schuberts Klaviertrio Es-Dur op. 100, D 929 klang der Notentext bisweilen noch mehr abgespielt, als hinterfragt, etwa im zweiten Satz in der Klaviereinleitung zum großen Cello-Solo. Nichtsdestotrotz eroberte das Trio Delyria den Publikumspreis. Er ist nicht dotiert. Doch die Frankfurter Museums-Gesellschaft, das hat ihr stellvertretender Vorsitzender Dr. Andreas Odenkirchen an diesem Abend versprochen, wird die aus Israel stammenden Musiker zu einem Konzert einladen.

DORIS KÖSTERKE

Unerhört – Alma Mahler

 

Darmstadt. Gustav Mahler wollte die um 22 Jahre jüngere Alma Schindler (1879-1964) nur heiraten, wenn sie aufhörte zu komponieren. Der Schritt fiel ihr schwer. Denn in ihrer Studienzeit bei Alexander Zemlinsky hatte sie unter anderem bereits über hundert Lieder geschrieben. Als Gustav Mahler nach acht Ehejahren dann doch einmal eine Arbeitsmappe seiner Frau in die Hand bekam, setzte er sich selbst für den Druck und die Aufführung einiger dieser Lieder ein. Insgesamt haben 17 Lieder von Alma Mahler überlebt. Der Rest ist ebenso verschollen, wie ihre anderen Kompositionen. In der Reihe „Unerhört“ am Staatstheater Darmstadt werden Mezzosopranistin Solgerd Isalv und Pianist Jan Croonenbroeck 14 dieser Lieder am kommenden Samstag aufführen.

„Theater muss eine Vorreiterrolle spielen“

Die Reihe wurde von Operndirektorin Kirsten Uttendorf und Dramaturgin Isabelle Becker ins Leben gerufen. In einem Telefon-Interview ließen beide spüren, dass wie wichtig ihnen diese Reihe ist. Beim Spielzeitmotto „Was fehlt“ waren beide sich einig: Komponistinnen! „Theater muss eine Vorreiterrolle spielen und zeigen, dass ein System auch anders funktionieren kann“, sagt Kirsten Uttendorf. „Wir haben selbst gemerkt, dass wir viele Komponistinnen noch nicht kennen und kennenlernen wollen. Den Sängern und Pianisten aus unserem Ensemble ging es genauso. Sie haben sich als Paten und Patinnen für jeweils eine Komponistin zusammengefunden, setzen sich intensiv mit deren Werk und Biographie auseinander und gestalten daraus einen Abend“. Besonders schön ist es für Uttendorf, wenn Ensemblemitglieder bei ihr anrufen und sagen: „Ich hab noch eine interessante Komponistin gefunden!“.

Biographische Brüche – damals wie heute

Das Interesse an dieser Reihe ist überwältigend. Zumal die Punkte, an denen eine vielversprechende Künstlerlaufbahn zerbricht, an denen der große Wurf mit einem groß angelegten Werk nicht gelingt, heute noch ähnlich sind.

Von der schönsten Frau Wiens zur Trinkerin

Alma Mahler galt einmal als die schönste Frau Wiens. Neben ihren Ehen mit Gustav Mahler, Walter Gropius und Franz Werfel hatte sie unübersichtlich viele Affären mit Künstlern ihrer Zeit. „Sie war von ihrem eigenen Wert überzeugt und hat die Reibung gesucht mit Künstlern, von denen sie das Gefühl hatte, das sind hier ebenbürtige Menschen, mit denen möchte ich in eine künstlerische Auseinandersetzung gehen“, sagte Uttendorf. „Auf der anderen Seite hat sie die Künstler, für die sie sich begeisterte, auch sehr inspiriert“. Die volle Erfüllung schien sie darin nicht gefunden zu haben. Schriftstellerin Claire Goll schrieb über die alternde Alma Mahler, von Thomas Mann „La grande veuve“ genannt: „Diese aufgequollene Walküre trank wie ein Loch“.

Sie war die Mutter jener Manon Gropius, der Alban Berg sein Violinkonzerte „Dem Andenken eines Engels“ widmete. Den Tod eines der beiden Kinder, die sie mit Gustav Mahler hatte, brachte sie mit dessen kurz zuvor geschriebenen „Kindertotenliedern“ in Verbindung. Von ihren vier ausgetragenen Kindern hat nur Anna Mahler sie überlebt.

Lieder von Alma Mahler in der Reihe „Unerhört“ am Darmstädter Staatstheater

In den frühen Liedern sieht Kirsten Uttendorf eine „gute Qualität, sehr dicht komponiert, auf sehr starke Texte“, etwa von Rilke, Dehmel, Heine. „Sie gehen sehr unter die Haut“. Isabelle Becker bezeichnet sie als spätromantisch-impressionistisch, wobei beide betonen, dass die Einflüsse von Schönberg und Berg ja erst nach ihrer Ehe, nach dem Ende ihres Komponierens, auf sie gewirkt haben und eine mögliche Entwicklung nicht absehbar ist.

Rund 1900 unerhörte Komponistinnen

„Von den rund 1900 Komponistinnen, die belegt sind, haben wir in dieser Spielzeit gerade mal eine Handvoll abgearbeitet“, sagt Becker. Aber immerhin! Der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt. „Wahrscheinlich können wir die Reihe unendlich fortsetzen, weil es unendlich viele vergessene Komponistinnen gibt, die vergessen sind oder auch heutige Komponistinnen, die man fördern muss“, sagt Uttendorf.

Dafür arbeiten sie zunehmend mit dem Archiv für Frau und Musik in Frankfurt und mit Musikwissenschaftlerinnen zusammen, die sich auf einzelne Komponistinnen spezialisiert haben.

Männlich oder weiblich – was sagt es aus?

Am 7. Mai stellen Sopranistin Jana Baumeister und Pianistin Irina Skhirtladze die Schwester von Felix Mendelssohn Bartholdi, Fanny Hensel vor. Am 10. April machen Sopranistin Cathrin Lange und Pianistin Elena Postumi mit Cécile Chaminade bekannt, über die ihr Zeitgenosse Ambroise Thomas sagte: „Dies ist keine komponierende Frau, sondern ein Komponist, der eine Frau ist.“ Umgekehrt, gibt Kirsten Uttendorf zu bedenken, wird die Musik von Jules Massenet, Komponist etwa des Don Quichote, oft „weiblich“ genannt, weil er sehr sentimental und melodramatisch komponiert hat.

In der jüngeren Generation werden die Grenzen zwischen „männlich“ und „weiblich“ ohnehin als fließend gesehen. Isabelle Becker spricht von der „Evolution eines sozialen Geschlechts“, dem biologische Gegebenheiten gleichgültig sind. „Vielleicht schaffen wir es irgendwann, genderneutral zu argumentieren“, meint sie. Dann geht es nicht mehr um zufällige biologische Geschlechter von Urhebern, sondern nur noch um gute Musik.

DORIS KÖSTERKE
7.3.2022

 

 

Rafał Blechacz in Oberursel

 

Oberursel. Mit seinem trocken perlenden, auch in Höchstgeschwindigkeitslaufwerken noch ebenmäßigen Anschlag begeisterte Rafał Blechacz in der Stadthalle Oberursel. Der Beginn des Konzerts bei der Chopingesellschaft Taunus e.V. mit Bachs Partita Nr. 2 c-Moll BWV 828 erschien wie eine Verbeugung vor dem Gastgeberland. Hier überzeugten vor allem die sanglich gestalteten langsamen Sätze, deren spannungsvolle Mehrstimmigkeit Blechacz wunderbar durchsichtig zu gestalten wusste. Nicht von ungefähr hat der 1985 in Nakło nad Notecią (deutsch: „Nakel“) geborene Pianist schon als Teenager zahlreiche Preise gewonnen. Im Alter von gerade einmal zwanzig Jahren gewann er, als erster Pole seit Krystian Zimerman, den Chopin-Wettbewerb in Warschau, einschließlich aller vier Sonderpreise und dem Publikumspreis. Um den Abstand zu anderen Bewerbern deutlich zu machen, wurde zum ersten Mal in der Geschichte des Wettbewerbs kein zweiter Preis vergeben. Seitdem festigte Blechacz seinen Ruf als einer der besten Pianisten der Welt.

Nicht nur Pianist

Zwischenzeitlich hat er noch eine Doktorarbeit im Fach Philosophie geschrieben, über Aspekte von Metaphysik und Ästhetik in der Musik. Sie habe ihm geholfen, „die Freiheiten und Grenzen musikalischer Interpretationen besser zu verstehen“, formulierte er gegenüber der Kultur-Website „KlassikAkzente“. Solche Grenzen waren auch in diesem Konzert spürbar: Im Allegro-Teil der Sinfonia in der Bach-Partita überraschte ein Pedalgebrauch ohne unmittelbar einleuchtende Vorteile. Auch in anderen schnelleren Sätzen ließen sich mitunter verknubbelnde Linien ein Fragen aufkommen, mit welchen Mitteln sich vielleicht mehr Trennschärfe hätte erreichen lassen. Das Fragen kam zu keinen besserwisserischen Ergebnissen. Auch die Überlegung, ob Bach sich für die Realisierung vielleicht ein zweimanualiges Cembalo vorgestellt hätte, an dessen klangliche Schattierungsmöglichkeiten der Konzertflügel im schnellen Tempo nicht heranreicht, schien bei kritischem Blick in den Notentext nicht immer als der Weisheit letzter Schluss. Vielleicht kommt Interpretation an diesem Punkt wirklich an jene Grenzen, wo eine im Notentext kondensierte Klangvorstellung Utopie bleibt?

Bekenntnis zu Europa

Im politischen Kontext dieser Tage wirkte auch das weitere Programm wie ein Bekenntnis zu Europa: Als Wahl-Österreicher vereinigte Beethoven belgische und deutsche Wurzeln. Seine 32 Variationen c-Moll WoO 80, die Blechacz an zweiter Stelle im Programm spielte, vexieren zwischen Musik und pianistischer Eigendynamik.

Aus Chopins „Vater“-Land folgte in der zweiten Hälfte des Abends das eigentlich für Orgel geschriebene „Prélude, Fugue et Variation“ von César Franck, dessen äußere Schlichtheit einer umso tieferen Religiosität Raum gibt. Auch hier überzeugten vor allem die langsamen Rahmensätze. Krönung des Abends war Chopins Sonate h-Moll op. 58. Hier erschien alles restlos stimmig und ausgereift, die souveräne Pianistik, die klare Unterscheidung zwischen tragender Substanz und färbendem Beiwerk, die zielgenau dosierte Agogik und, tief berührend, die zurückgehaltene und gerade deshalb verstärkt spürbare Emotionalität.

DORIS KÖSTERKE
6.3.2022

Pygmalia von Manos Tsangaris

Frankfurt. Als „Musiktheater mit wechseln­der Publikumsperspektive“ hat Manos Tsan­garis sein neues Werk „Pygmalia“ über­schrieben. Denn er lässt das Beziehungsdrama zwischen der Künstlerin Pygmalia und ihrem selbsterschaffenen Traummann buchstäblich von zwei Seiten sehen. Literarisches Vorbild war die von Ovid überlieferte Sage vom Bildhauer Pygmalion, der sich, von real existierenden Frauen angewidert, eine Frauenstatue schafft und sich darin verliebt. Neben den Klängen hat Tsangaris auch den szenischen Ablauf, das Licht, die Texte und auch die Wahrnehmungsbedingungen für das Publikum komponiert.

Wechseln­de Publikumsperspektive

Bei der Uraufführung des im Auftrag der Alten Oper geschaffenen Werks durch das Ensemble Modern war die Bühne eine weiße Fläche in der Mitte des Mozartsaals. Die Hälfte der Zuschauer saß zunächst da, wo sonst die Bühne ist, die andere Hälfte unter dem Balkon. Nach einmaligem Durchlauf des Stückes tauschten die Zuschauergruppen die Seiten und damit ihre Perspektive auf das gleiche Geschehen. Die häufigste Frage nach der Aufführung war: „Haben die tatsächlich zweimal genau das gleiche gespielt?“ – ein Indiz, dass Tsangaris gelungen ist, was er wollte: erfahrbar machen, wie wenig objektiv unsere Wahrnehmung ist, wie sehr sie an Fahrt gewinnt, wenn jemand sich direkt an uns wendet und wie wirksam sie ausblendet, was daneben geschieht; wie stark unsere Wünsche und Ziele hineinspielen und wie viel sie unwillkürlich dazutut, um vermittelten Bruchstücken einen Sinn zu geben. Nicht nur gegenüber unserer Umwelt, sondern selbst gegenüber dem uns nächsten Menschen. „Pygmalia ist ein Stück, das zeigt, wie wir unsere Wirklichkeit im Gegenüber erfinden“, sagte Tsangaris.

Der eigentlichen Uraufführung am frühen Abend folgte die hier rezensierte zweite. Die Zeit dazwischen war für die Musiker sehr kurz. Doch sie wirkten hochmotiviert und konzentriert.

Frau erschafft Mann

Zunächst herrschte Dunkel. Knisternde elektronische Störgeräusche aufblitzender Lampen gingen nahtlos in Aktionen der Musiker über. Mit einer am Cellostachel befestigten Taschenlampe über die dunkle Bühne gehend suchte Eva Böcker buchstäb­lich nach Standpunkten, die sie eine Weile im Stehen bespielte und wieder aufgab. Eine singende Frauenstimme war zunächst ebenso wenig zu orten, wie der Bariton, der ihr antwortet. Später wurde er, in Embryo-Stellung auf einem Hunt kauernd, ins Zentrum der Bühne gerollt.
In der mythologischen Vorlage bringt die Liebesgöttin Venus Pygmalions Statue zum Leben. Bei Tsangaris öffnen Video-Projek­tionen (Astrid Rieger) von Meereswellen, Blitzen oder sprießender Vegetation ein sehr offenes Assoziationsfeld.

Pygmalia (so charismatisch gesungen wie gespielt von Marielou Jacquard) betrachtet verzückt die Video-Projektionen auf ihrem weißen T-Shirt. So süß, wie ihr Liebster aufblickt, kann er doch nur ein außerge­wöhnlich begabtes Wesen sein, das Einzig­artiges vollbringen kann – oder?

Vielleicht. Aber „du wolltest doch, dass ich selbständig bin“, wird er ihr später sagen.

Tolle Nachwuchsarbeit des Ensemble Modern

In der Probenphase zu „Pygmalia“ hatte Omikron massiv zugeschlagen, sowohl bei den Musikern, als auch im handverlesenen Backstage-Bereich. „Am Wochenende dachten wir, wir müssten das Ganze absagen“, erzählte Manos Tsangaris in der Pause. Unter anderem hatte es den designierten Traummann-Darsteller erwischt. Hier kam die breite Nachwuchsarbeit des Ensemble Modern zum Tragen: bei der „Akademie Musiktheater heute“ (AMH) hatten die Musiker den jungen Bariton Harald Hieronymus Hein kennengelernt.

Harald Hieronymus Hein

Ihm trauten sie die Aufgabe zu. Binnen einer Woche erarbeitete er sich einen Part, der das ganze Spektrum von Stimmgeräuschen über verständliches Sprechen bis hin zur Geste einer großen Oper erfordert. Auch die Orientierung im Ganzen ist schwierig, denn es gibt keinen Dirigenten. Die meist pointilistische Klangsprache ist weitgehend stochastisch: Weil es auf der Bühne oft zu dunkel ist zum Notenlesen, hat Tsangaris den Musikern ein festumrissenes Material an die Hand gegeben, über das sie improvisieren und miteinander kommunizieren können. Dem jungen Sänger sah man nach, dass er zur Sicherheit noch sein Tablet in der Hand behielt. Denn stimmlich und darstellerisch  überzeugte er restlos. Etwa, als er sich stinksauer darüber zeigte, von Pygmalia zu ihrem eigenen Gebrauch geschaffen zu sein.

DORIS KÖSTERKE
03.02.2022

Vgl. das Vorgespräch zur Uraufführung: