Erwin Stache macht hören

Ein alter Stromzähler – oder? – Man tritt näher und schon beginnt es darin zu blinken und zu klicken. Verunsichert weicht man zurück und „Die Wundermaschine“ von Erwin Stache schweigt wieder, als wollte sie sagen: wenn du auf mich zugehst, dann spiele ich mit dir. Sonst nicht. – …weiterlesen

Feindbild „Entertainment“

 

Höchst subjektive Eindrücke von den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik 2018

 

Seit ihrer Gründung vor siebzig Jahren gelten die Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik, die heute zu Ende gehen, als Pilgerstätte der musikalischen Avantgarde. Aber was soll man unter Avantgarde verstehen?

Avantgarde?

Eine Vorhut, die hofft, zum Mainstream zu werden? Die mit avancierter Technik agiert? Oder ist es ihr Wesen, zu provozieren? So dass sie niemals zum „Mainstream“ werden kann, weil sie sich dann wiederum davon absetzen müsste?

Helmut Lachenmann, leuchtendes Vorbild Darmstädter Komponistengeistes, erzählte in einem Gespräch mit Stefan Fricke, man habe ihm oft gesagt, er sei „kein richtiger Avantgardist“. Dem habe er niemals widersprochen. Aber er habe ein klares Feindbild: „Entertainment“.

„Entertainment“

Ein fruchtbares Zerrbild von dem, was „Unterhaltung“ ist und leistet, lieferte Esther Leslie im eintägigen, von Christian Grüny und Georgina Born konzipierten Kongress „Deconstructing the Avant-Garde“. In ihrem Vortrag „The Particulars of the Avant Garde“ referierte sie unter anderem das heute noch von John Coleman vertretene Gerücht, dass ausgerechnet der elitäre Adorno die Texte der Beatles und anderer Pop-Songs geschrieben habe, im Auftrag des „Committee of 300“, einem Zusammenschluss der dreihundert wirtschaftlich mächtigsten Männer der Welt, der danach trachtete, unmündige Massen durch vielfältigen Komfort, (musikalische) Drogen und sexuelle Verderbnis zu verweichlichen, um sie sich nachhaltig für eigene Zwecke gefügig zu machen.

Sofern es diese sich ständig regenierenden Dreihundert gibt (und sofern sie überhaupt noch so viele sind), freuen sie sich sicher über die Unbefangenheit, mit der junge Komponisten ihr Handwerk auf die kommerzielle Eigendynamik der Computerindustrie gründen.

Dass Avantgarde jedoch nicht notwendig auf die beschränkt bleiben muss, die sich neueste Technologien leisten können und tapfer einer Vielzahl akademischer Ausbildungen durchlaufen, zeigte Benjamin D. Piekut in seinem Vortrag „The Vernacular Avant-Garde“. Unter anderem erinnerte er an Anthony Moore, den Ko-Autor verschiedener Pink Floyd-Songs: Der 1948 geborene Engländer hatte sein Kunst- und Design-Studium nach einem Jahr abgebrochen und nie eine musikalische Ausbildung genossen. Er hatte einfach Spaß am Basteln mit Tonbändern, vertraute dabei allein seinen Ohren und schuf Respektables.

Oft gewinnt man den Eindruck, dass über den Erwerb von Fertigkeiten im Umgang mit Kompositionsprogrammen die Frage verloren geht, warum man überhaupt komponiert.

Fake und Wahrheit

Aber was soll Musik überhaupt noch sagen? Sie kann Geist und Sinne dafür schärfen, dass eine mediale Vermittlung grundsätzlich eine Manipulation darstellt. Für Hannes Seidl war Bühne schon immer „Fake“. Bestenfalls verweise sie auf eine Wahrheit, die jedoch immer außen vor bleibt. Seine neueren Produktionen zielen auf bewusste Trennungen zwischen Fiktion, Dokumentation und Realität. In der begehbaren Produktion „ingolf #6“, die er gemeinsam mit Daniel Kötter in Gelsenkirchen realisiert hat, können Besucher etwa Modelle privater Apartments betreten, um darin reale Erfahrungen machen.

Uncanny Valley

Im Kaleidoskop von Realität, Abbild und Fiktion sprudelte Jennifer Walshe in ihrem Vortrag „Ghosts in the hidden layer” wie ein kunterbunter Wasserfall. Darüber, dass sie aus Klang, Rhythmus und Melodie einer Stimme auf die Person schließen könne: auf deren Status, ihre Befindlichkeit und sogar, ob sie gerade prokrastiniert. Hochwertig synthetisierte Stimmen hingegen tönten geisterhaft aus dem „Uncanny Valley“. Als solches bezeichnen Robotiker den paradoxen Effekt, dass zunehmend menschenähnliche Roboter nicht als zunehmend niedlich empfunden werden. Überträgt man die Grade ihrer Menschenähnlichkeit auf eine Skala von eins bis zehn, steigt die Akzeptanz linear bis zu einer Menschenähnlichkeit von etwa acht. Eine Menschenähnlichkeit zwischen acht und neun hingegen wirkt zombiehaft und gruselig. Jenseits der neun würde die Akzeptanzkurve extrem steil ansteigen. Aber davon ist die digitale Nachbildung von Stimmen noch weit entfernt: Um zuverlässig geisterhafte Wirkungen bei der Dopplung ihrer eigenen Stimme mit digitalen Simulationen braucht Jenny Walsh sich vorerst nicht zu sorgen.

Muss Avantgarde immer vorwärts drängen? Martin Iddon plädierte in seinem Vortrag „Stil modern“ für mehr Nostalgie in der Gegenwartskunst: dass Utopien gescheitert sind heiße nicht, dass man ihr gesamtes Potenzial verwerfen müsse.

Avantgarde!

Aber eins sollte Avantgarde sein: ein Stachel gegen die Bequemlichkeit. Im Vergleich zum wohligen philharmonischen Schönklang sei es allein schon ein kritisches Moment, Irritierendes und Beklemmendes in Musik zu setzen, sagte Lachenmann. Er wolle eine „emphatisch erlebte Kunst, die uns erinnert, dass wir geistfähige Kreaturen sind“. Amen.

DORIS KÖSTERKE
27.07.2018

cresc…2017 Zwischen Kunst und Politik

Kann man mit Kunst die Welt verbessern? Ilan Volkov, der die meisten Orchesterwerke dirigiert, die bei der „Zwischen Kunst und Politik“ überschriebenen „cresc.“-Biennale für Moderne Musik erklingen, ist vorsichtig optimistisch: „Ich hoffe, dass jeder seine eigene Utopie in sich trägt. Probleme gibt es, sobald irgendjemand behauptet zu wissen, was für einen anderen gut ist“, sagt er. Auf alle Fälle könnten die 14 Veranstaltungen an sieben Spielorten in Frankfurt, Wiesbaden und Hanau dazu beitragen, dass Menschen offener werden – offener füreinander und offener für neue Ideen: jedes Konzert sei wie das gemeinsame Ausprobieren einer Utopie. Im Eröffnungskonzert kreisen zwei Werke darum, wie und ob verschiedene Gruppen zu einem Ganzen zusammenfinden können. Tatsächlich treffen darin zwei Klangkörper aufeinander, das hr-Sinfonieorchester und das Ensemble Modern. Zeynep Gedizlioğlu behandelt in „Verbinden und Abwenden“ die kleinere Gruppe wie einen einzigen Solisten. Philippe Manoury verteilt Orchestergruppen und Solisten für sein „In Situ“ über den gesamten Großen Saal der Alten Oper. Beide Stücke legen nahe, Parallelen zur von Flucht und Migration bestimmten politischen Situation zu ziehen, die unter dem großen Motto „Transit“ des Kulturfonds Frankfurt Rhein Main auch in dieser Veranstaltung beabsichtigt sind. Impulsvorträge vom ehemaligen ARD-Ostasienkorrespondenten Peter Kujath, von der ehemaligen Kulturstaatsministerin Christina Weiss, sowie von der Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddorund werden das näher beleuchten. Im Projekt „Bridges“ haben Siebtklässler der Frankfurter Bettinaschule mit professionellen Musikern aus aller Welt zusammengearbeitet und werden ihre Ergebnisse in der Alten Oper vorstellen.

Migration kann auch Entwicklung bedeuten. Wie ein roter Faden ziehen sich Aufführungen von Werken von Isang Yun durch das Festival. Eigentlich wollte der Nordkoreaner ein unpolitischer Komponist sein. Er kam nach Deutschland, um westliche Komposition zu lernen, wurde sich darüber seiner eigenen Tradition bewusst und über die Verbindung beider Kulturen berühmt genug, dass er, als er vom südkoreanischen Geheimdienst verschleppt und gefoltert wurde, über öffentliche Proteste befreit werden konnte. Seine Musik spiegelt das alles mit der Ruhe eines taoistischen Weisen.

Das Orchester-Konzert mit seinem großen Werk Réak (1966) und seinem Vermächtnis „Engel in Flammen“ wird von Peter Rundel dirigiert. Das Abschlusskonzert am Sonntag mit Werken, die aus dem Kompositionsseminar der Internationalen Ensemble Modern Akademie hervorgegangen sind, von Enno Poppe. Alle anderen dirigiert Ilan Volkov, der auch als Person für einen „Transit“ zwischen Ländern und Kulturen steht, aber auch für einen „Transit“ zwischen den Genres, zwischen Hochkultur und populärer: für den zweiten Abend verspricht er knackig laute rockige Rhythmen: „It’s going to be fun“, freut sich Volkov. An diesem Abend wird es gleich zwei Uraufführungen geben: In „Allheilmittel“ von Martin Grütter kommt neben Klavier und großem Orchester auch ein “Hyperpiano” mit elektronischen Klängen und Samples zum Einsatz. „Spinning Lines“ von Martin Matalon ist auch für den Dirigenten ein Abenteuer: „Es verwendet dermaßen viel Elektronik, dass ich mir anhand der Partitur nicht vorstellen kann, wie es klingen wird“, sagt Volkov und das Funkeln seiner Augen verrät, dass er sowas mag.

Volkov hat eine Schwäche für Künstler, für die sich sonst kaum jemand interessiert. „Es war für mich wie ein Schock, als ich erkannt habe, dass Musikgeschichte in erster Linie von kaum bemerkten Menschen mit hoch interessanten Ideen vorangebracht wird, die nur in bestimmten Kreisen bekannt waren und sind“. Einer dieser Menschen ist für ihn Alvin Lucier. In „Tectonics“, einem von Volkov selbst kuratierten Festival im Festival, am Samstag in den Räumen des Nassauischen Kunstvereins in Wiesbaden, gibt Volkov ihm viel Raum neben anderen Künstlern, die Volkov am Herzen liegen und mit denen er teils seit Jahren zusammenarbeitet. Darunter sind Èlaine Radigue, die von der elektronischen Musik herkommend für akustische Instrumente komponiert und Mariam Rezai, die in der Uraufführung von ihrem Stück „Top“ für Plattenspieler, Elektronik und Stimme alle drei „Instrumente“ selbst spielen wird. Zum Konzept von „Tectonics“ gehört auch, dass man eine Konzertdarbietung ungestraft verlassen darf, um eine der teils interaktiven Klanginstallationen auf sich wirken zu lassen.

„Transit“ kann auch eigene Veränderung und Entwicklung bedeuten. Mit freudig funkelnden Augen plädiert Ilan Volkov dafür, dass man Dinge, die man nicht versteht, zunächst als Herausforderung begrüßen und sich mit Beurteilungen zurückhalten sollte. Statt gleich zu sagen: das war toll, das war schrecklich, sollte man tiefer gehen und versuchen, die Ideen zu verstehen, die dahinter liegen. „Das kann lange dauern. Sogar bei den Aufführenden, die über Jahre hinweg das gleiche Stück spielen“, weiß Volkov und das Funkeln seiner Augen verrät, dass ihn das ausfüllt.

DORIS KÖSTERKE

 

Festivalprogramm und nähere Informationen unter www.cresc-biennale.de.

“If this then that and now what”

Eine Art Musiktheater von Simon Steen-Andersen, aufgeführt in Mainz

„Ich“ – nein, so kann man nicht anfangen. Die Buchstaben verschwinden wieder von der Leinwand über der Bühne vom Kleinen Haus in Mainz. Auch andere Anfänge werden verworfen. „Seit Ewigkeiten hatte ich den Plan, ein Buch zu schreiben, das mit diesem Satz anfangen sollte. Das einzige Problem war nur: Wie sollte es danach weitergehen?“ scheint zwar nicht besser, bleibt aber stehen. “If this then that and now what” von Simon Steen-Andersen ist ein Stück über die Nöte, ein Stück zu schreiben. Ein unter der Leinwand schwankendes Spiegelbild vom Zuschauerraum mahnt: das geht dich an.

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„Die Menschen hungern, und er macht Musik“


„Viele halten ihn für wahnsinnig, manche dachten das immer.
Die Menschen hungern, und er macht Musik.
Aber es ist ja mehr als das, es geht ums Prinzip,
darum, dass er sich
diesem Krieg, der Herrschaft des Todes und der Gewalt einfach verweigert,
dass er festhält, an dem, was der Mensch in seinen besten Momenten ist:
empfindsam für Schönheit. Und für seinen Nächsten.
Er ist ein Künstler im besten Sinne“.


– Sonja Zekri über den Pianisten Aeham Ahmad, Süddeutsche Zeitung, 2015

Werte gegen Gewalt

 

„Durch einen Granatsplitter in seiner linken Hand wird ihm eine weitere Karriere als klassischer Pianist voraussichtlich versperrt bleiben“, heißt es auf verschiedenen Internetseiten. Aeham Ahmad, der in den Ruinen von Damaskus Klavier spielte, um Verzweifelte ihre Würde fühlen zu lassen, gab im dicht besetzten, von Historismus und alkoholischen Düften gesättigten Foyer zum Großen Haus des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden kein „Klavierkonzert“ im herkömmlichen Sinne. Zusammen mit dem ägyptischen Perkussionisten Bergo Ibrahim Kamal, in selbstverfassten Balladen und unverkrampften Improvisationen im Mainstream-Jazz-Idiom mit klassisch-arabischen und klassisch-westlichen Momenten, leistete der filigran gebaute Pianist leise Schwerstarbeit: Im Transzendieren von Erlittenem in die Kraft der Musik. Und im unablässigen Versuch, sein Publikum zu erreichen.

Aeham Ahmads Stücke erschienen wie sein Händedruck: eine unendlich zarte Botschaft der Wertschätzung an das unbekannte Gegenüber. Die Balladen, die er zu seinem Klavierspiel ins Mikrophon haucht, beginnen oft mit einem tonlosen Seufzer, um sich zu Vokalisen aufzuschwingen, Ausdruck von Sprachlosigkeit angesichts des Besungenen, oder Mantra-artig ein einziges Wort in den verschiedenen Beleuchtungen der Musik leben zu lassen, wie „Jarmuk“, das palästinensische Flüchtlingscamp bei Damaskus, in dem er aufgewachsen ist. Oder das Lied auf den Duft vom Jasmin, der die Gasse erfüllte, in der er in Jarmuk gewohnt hatte.

„Das Leben ist so schön. Warum verbringen manche Menschen es damit, andere zu verletzen? Ich verstehe das nicht!“, rief Bergo Ibrahim Kamal in akzentfreiem Deutsch. Er übersetzte, was Aeham Ahmad ihm auf Arabisch zugeraunt hatte und glaubt, auch darüber hinaus dem kleinen, schmalen Pianisten mit den sprühenden Augen und den vielen Demutsgesten aus der Seele zu sprechen.

Eindrucksvoll war die von Bergo Ibrahim motivierte Schweigeminute gegen Ende des Konzerts, zu dem sich das Publikum willig erhob. „Wir denken jetzt nicht an die Toten, sondern an unsere Kraft, Gutes zu tun“.

Wird Aeham Ahmad seine Karriere als klassischer Pianist fortsetzen können? Wahrscheinlich. Wichtiger als sein kultiviert akkurater Anschlag ist sein Charisma. Und dass er sich mitunter in seiner eigenen Virtuosität verheddert, macht nichts angesichts seiner Botschaft: Kulturelle und menschliche Werte gegen Gewalt, Macht und Statussymbole.

In jedem Falle hat er die Kraft, davon zu überzeugen, dass als Bittsteller behandelte Flüchtlinge den hier Sesshaften Wichtiges „geben“ können.

 

DORIS KÖSTERKE
15.6.2016

Kann man mit Kunst die Welt verbessern?

Wieso Kunst? Kann man mit Kunst die Welt verbessern?

 

 

 

 

Die folgenden Zitate wurden auf Papiertüten gedruckt.

In diese Tüten wurde der Sand abgefüllt, der sich im Foyer der Fachhochschule Wiesbaden befand.

Der Sand war gestiftet von „Bilfinger & Berger“.

In diesem Sand hatten Erika Enders und Hilla Steinert zuvor eine Performance vollführt. weiterlesen

Kultur – wozu? – Aus: 100 Minuten für John Cage

Kultur – wozu?[1]

Diese Frage hat John Cage sich vorbehaltlos gestellt. Die Antworten, die er darauf fand, schweben keinesfalls abstrakt über seinem Schaffen. Es ist gerade das Besondere an Cage, dass er sie zur Grundlage seiner Kunst gemacht hat[2]:

Seit etwa Ende der 1940er Jahre begriff er sein künstlerisches Schaffen als „eine Art Labor, in dem man das Leben ausprobiert“[3]. Klänge sollten nichts als freie Klänge und, Menschen nichts als freie Menschen sein.
Cage fand diese „freien“ Klänge viel frischer und interessanter als „gewollte“, und beobachtete, dass auch die Menschen, die mit ihnen umgingen, viel fröhlicher davon wurden. …weiterlesen