Portraitkonzert Farzia Fallah

FRANKFURT. „Unsicherheit ist für mich immer ein Thema“ sagte Farzia Fallah zu Karin Dietrich. Das Gespräch zwischen der aus dem Iran stammenden Komponistin und der Leiterin des Instituts für zeitgenössische Musik (IzM) an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst (HfMDK) war Teil des Portraitkonzerts im Kleinen Saal der Hochschule. Mit einem dreimonatigen Arbeitsstipendium war Farzia Fallah Composer in Residence beim IzM und dem Archiv Frau und Musik. Zum Abschluss soll kurz vor Weihnachten ein Stück aufgeführt werden, das sie mit einer sechsten Klasse des Adorno-Gymnasiums erarbeitet hat.

Ko-Produktion mit Tänzerin Ariadni Agnanti

Im Portraitkonzert uraufgeführt wurde die Tanzperformance „disPositions“. Sie ist in Farzia Fallahs Frankfurter Zeit als Ko-Kreation mit der Tänzerin Ariadni Agnanti entstanden. Darin scheint die Tänzerin an verschiedenen Stellen der Bühne lohnende Ziele zu wittern, die sie zielstrebig anpeilt. Doch kaum sind sie erreicht, wittert sie das nächste Ziel, das sie ebenso geradlinig anpeilt und ebenso schnell wieder fallen lässt.

Farzia Fallah will ihrem Publikum kein Programm an die Hand zu geben: es soll sich selbst sein Bild machen. Nur eine mögliche Interpretation von „disPositions“ ist, dass die Tänzerin aus ihrer anfänglichen Unsicherheit heraus zunehmend selbstbewusst ihre Fähigkeiten entfaltet.

Kreative Unsicherheit

Eigentlich hatte es ein Stück für Tänzerin und Schlagzeug werden sollen. Aber beide fanden, dass die Geräusche der Tänzerin ausreichen und man auf das Schlagzeug verzichten kann. Einen Kompromiss bildet die unter der Bluse der Tänzerin versteckte Glöckchenkette. Vielleicht könnte man sogar darauf verzichten: Die Bewegungen in Rhythmen und Glissandi, ihre wechselnden Tempi und die Proportionen innerhalb des Ganzen sind vielleicht schon Musik genug.

Umrahmt wurde die Uraufführung von bereits bewährten Stücken, die Farzia Fallah mit Studierenden der HfMDK eingeübt hatte. Der Geiger Adam Woodward, aktueller Stipendiat der Internationalen Ensemble Modern Akademie (IEMA), spielte „… und dann befreit…?“ für Violine (2009/10) so überzeugend, als hätte er es sich selbst auf den Leib komponiert.

Intensität durch beständige Gefahr des Scheiterns

Auch sonst faszinierte der vorbehaltlose Einsatz der Interpretinnen für die Tonsprache der Komponistin, die keine „Töne“ schreibt, sondern Bedingungen formuliert, unter denen die Spieler die Klänge auf ihrem Instrument suchen sollen. Farzia Fallah will diese gesteigerte Aktivität ihrer Interpreten und auch die Unsicherheit, ob die Klänge im Moment der Aufführung ansprechen oder nicht. Durch die beständige Gefahr des Scheiterns erreicht sie nicht zuletzt eine große Lebensnähe.

Hinter dem Nichts

Von dem iranischen Dichter und Maler Sohrab Sepehri (1928-1980) inspiriert ist „Posht-e Hichestan“ für Altflöte solo (2015). Der Titel ließe sich frei übersetzen als „Hinter dem Nichts“. Claudia Warth zeigte, was sich dort auftut. Die szenische Komposition „into“ (2019) für Viola (Nefeli Galani) und Horn (Ya Chu Yang, IEMA-Stipendiatin 2020), wirkte wie die Geschichte einer Freundschaft voll Resonanz, Zoff und Sehnsucht.

„Lalayi, ein Schlaflied für Sohrab“ (2017) gespielt von Zion Lee (Violine), Nefeli Galani (Viola) und Clara Franz (Violoncello) fußte wiederum auf einem Gedicht von Sohrab Sepehri und zeigte: Unsicherheit schärft den Blick für das Schöne.

DORIS KÖSTERKE
3.12.21

 

Der zugrundeliegende Text und eine Einspielung von Lalayi findet sich auf https://llaudioll.de/fallah-lalayi/.

 

Der Text von Sohrab Sepehri:




Fern von den Nächten

voller Metallreibung,

schenke mir den Schlaf,

unter einem Zweig.




Und in der Zeche des Lichts,

wenn hinter deinen Fingern

der Jasmin erstrahlt,

werde ich aufwachen.




Dann

erzähle mir von den Bomben,

die fielen,

während ich schlief.