Daniel Hope, Simon Crawford-Phillips

 

 

WIESBADEN. Im Konzert von Daniel Hope beim Rheingau Musik Festival spürte man, dass der Horizont des kommunikativen Stargeigers und Menuhin-Schülers zu groß ist, um sich an Details festzubeißen. Gemeinsam mit Simon Crawford-Phillips, dem langjährigen Klavier-Duo-Partner von Gerald Moore, ließ er im Friedrich-von-Thiersch-Saal die „Belle Èpoche“ wieder aufleben.

Die Programmgestaltung hatte einen klaren Zielpunkt, die Sonate für Violine und Klavier A-Dur von César Franck. Das 1886 geschriebene Werk gilt als das Beste, das je für Violine und Klavier geschrieben wurde. Gleichsam als „Vorspiele“ dazu erklangen fünf Miniaturen. Als Erste die Erste Sonate für Violine und Klavier in einem Satz von Maurice Ravel. Also nicht „die“ Violinsonate aus Ravels reifen Jahren 1923–1927. Sondern die, die er 1897 geschrieben hatte, als er, nach geschmissenem Klavierstudium und zweijähriger Pause, als Kompositionsstudent an das Pariser Conservatoire national supérieur zurückgekehrt war. Laut der launigen Moderation von Daniel Hope – der in Südafrika Geborene hat unter anderem deutsch-irische Wurzeln und spricht akzentfrei Deutsch – hielt Ravel es in der Schublade verborgen, obwohl Debussy davon begeistert war und ihm gesagt hatte, er solle bloß keinen einzigen Ton ändern. Erst nach Ravels Tod wurde das Werk veröffentlicht. Im Konzert hatte man den Eindruck, dass die beiden Musiker es mehr referierten, als dass sie es ausgelotet hätten. Anders ausgedrückt: Sie machten aufmerksam auf dieses Frühwerk mit den beiden gleichberechtigten Schichten, dessen Komponist später über sich sagte „ich bin Anarchist“.

Als weitere Kuriosität folgte das „Stück für Violine und Klavier d-Moll“ des 17-jährigen, derzeit noch als Bankangestellter arbeitenden Arnold Schönberg. Um zu zeigen, wie eng der spätere Bürgerschreck noch im Unterhaltung-Idiom seiner Zeit wurzelte, ließen die beiden Musiker fast nahtlos das „Liebesleid“ von Fritz Kreisler folgen. In Schönbergs Irreleiten der Erwartungshaltung im verlängerten Nachsatz meinte man allerdings bereits den späteren Zeitkritiker zu spüren, der, höchst aktuell, gegen den „Komfort als Weltanschauung“ wetterte.

Als in England Aufgewachsene fügten die beiden Musiker noch drei Miniaturen von Edward Elgar ein: Chanson de Nuit, Chanson de Matin (beide op. 15) und Salut d’Amour op.12. Dann folgte die Sonate von Cesar Franck. Das Vorangegangene war interessant, diese Sonate war „gelebt“, mit alle ihren Sehnsüchten und Abgründen der „Belle Èpoche“, die Hope mit der unseren verglich als Zeit „voller Spannung und Sinnlichkeit“ und „voller Um- und Aufbruch“, voll explodierender Möglichkeiten, aber auch voller Verlierer und revoltierender Mahner.

Ein Impromptu von Yehudi Menuhins Lehrer George Enescu war die erste Zugabe von dessen „Enkelschüler“. Die zweite Zugabe kündigte Hope dezidiert als „letztes Stück des Abends“ an: eine gegenüber den spätromantischen Vorgängern und allen Kitsch-Versionen deutlich verschlankte Geigenversion von Schuberts „Ave Maria“ vermittelte es eine Spiritualität, die über konfessionelle Grenzen erhaben ist.

Doris Kösterke
1.9.2021

Czech Ensemble Baroque mit Andreas Scholl

Andreas Scholl und Tamar Halperin beim Rheingau Musik Festival

 

WIESBADEN. Ein Konzert mit Andreas Scholl darf beim Rheingau Musik Festival nicht fehlen. Corona-bedingt waren es in diesem Jahr zwei Konzerte hintereinander am gleichen Abend – eine Herausforderung, die auch an routinierten Profi-Musikern nicht spurlos vorübergeht. Auch nicht, wenn man sie teilt, wie Andreas Scholl an diesem Abend in der Lutherkirche mit der Cembalistin Tamar Halperin und dem Czech Ensemble Baroque unter der Leitung von Roman Válek.

In Corellis Concerto grosso D-Dur op. 6 Nr. 4 nahm das Ensemble mit einer bei aller Leichtigkeit weichen und warmen Tongebung für sich ein. Reiche dynamische Schattierungen und fein ziselierte Phrasierungen zeigten die vorwiegend jungen Musiker auf einem guten Weg mit vielen Möglichkeiten für eine konsequente Weiterentwicklung. Ein Wegweiser könnte das Ensemble „Le Concert Spirituel“ sein. Es hat in diesem Festivalsommer gezeigt, wie ein Mehr an Detailarbeit auch mehr Energetik erschließen und der Musik ungemein zuträglich sein kann.

In Bachs enorm ausdrucksstarken Ersten Cembalokonzert BWV 1052 ging das Cembalo nahezu unter. Um dem alles andere als klangstarken Instrument entgegenzukommen, hätten die Streicher nahe der Hörschwelle fiedeln müssen. Alternativ hätte man die Anzahl der Spieler reduzieren können. Damit hätte man auf die Concertino-Tutti-Wirkungen verzichten müssen. Sie stehen zwar nicht explizit im Notentext, entsprechen aber wohl der Aufführungspraxis und machten sich gut, sofern man seinen Hörwinkel auf das Orchester begrenzte. Vor allem jedoch spielte Tamar Halperin buchstäblich im Schatten des Dirigenten. Man fragte sich, warum nicht sie als Solistin die Leitung des Orchesters übernommen hatte. Indem sie sich ihm unterordnete, beschnitt sie ihre Entfaltungsmöglichkeiten. Wo sie dem Geschehen tatsächlich Impulse gab, gingen sie auf dem Umweg über den Dirigenten verloren. Andererseits schien das Orchester auf seinen Dirigenten eingeschworen. Denn im Mittelsatz, dessen Beginn er nicht dirigierte, klapperte das Tempo. Insgesamt blieb die Aufführung hinter den Möglichkeiten zurück, die das Werk hergibt und die man der Solistin unbedingt zugetraut hätte.

Die Karriere von Andreas Scholl hat längst eine Eigendynamik entwickelt: man mag ihn zu sehr, um an seine Interpretation etwa der Bachkantate „Ich habe genug“ BWV 82 die gleichen Maßstäbe anzulegen, wie bei manchem Neuling. In Händels Arie „Se parla nel mio cor“ aus der Oper Giustino war er spürbar mehr in seinem Element. Und in der Zugabe, ebenfalls von Händel, hörte man das bezaubernde Timbre, dem er seinen Weltruhm verdankt: aus den Randschwingungen der Stimmlippen aufblühend und durch die Poren der Haut in ein Innerstes dringend, das allzu oft unberührt bleibt.

DORIS KÖSTERKE

Assange – Fragmente einer Unzeit

FRANKFURT. Mit ihrer Komposition Assange – Fragmente einer Unzeit (2019) rückt Iris ter Schiphorst nicht zum ersten Mal einen politischen Aspekt in den Fokus ihrer Arbeit. Um der Tragweite des Falles Julian Assange gerecht zu werden, der inhaftiert wurde, weil er über Wikileaks geheime Dokumente der USA zu deren Kriegen in Afghanistan und im Irak verfügbar machte, tat sich das Ensemble Modern mit der Frankfurter Initiative „Der utopische Raum“ zusammen und verband seine Deutsche Erstaufführung der Komposition im Dachsaal der Deutschen Ensemble Akademie mit Wortbeiträgen zum Stand der Freiheit von Wort, Kunst und Presse als Pfeiler der Demokratie.

Umrahmt wurde die Matinee von zwei Improvisationen des Ensemble Modern: Die erste zeigte ein bedrängtes, schließlich durch einen Pfiff aus der Flöte befreites Individuum, dargestellt von der Sopranistin Sarah Maria Sun. Die zweite, ebenso programmatisch, eine basisdemokratische Utopie, in der jeder sich soweit ungehemmt entfalten kann, als er andere nicht stört.

„Angeklagt ist das freie Wort“

Zu Wort kam unter anderem Wikileaks-Mitbegründer Daniel Domscheit-Berg. Er stellte die ursprüngliche Idee der Internet-Plattform als „bedingungslos der Wahrheit verpflichtet“ heraus. Assanges unreife Persönlichkeit dürfe nicht über seine eigentliche Leistung hinwegtäuschen. Er gehört auf keinen Fall an die USA ausgeliefert, das hieße einen für die Pressefreiheit fatalen Präzedenzfall schaffen, sondern freigelassen. „Angeklagt ist das freie Wort“, pointierte Moderator Ilija Trojanow.

Kein Hort der Menschenrechte

Laut Moussa Tchangari, dem Generalsekretär der nigrischen Journalistenvereinigung, dient etwa der Kampf gegen Cyberkriminalität als Vorwand, Kommunikation zu überwachen. Franziska Grillmeier berichtete aus Lesbos, dass Corona als Vorwand diene, sie als Journalistin von den Flüchtlingslagern fernzuhalten. Laut Barbara Unmüßig, der Vorsitzenden der Heinrich Böll Stiftung, verspielt die EU durch ihre Abwehr von Migranten „ihre Glaubwürdigkeit als Hort der Menschenrechte“. Publizist Stephan Hebel sieht die Freiheit der Medien darin beschränkt, dass sie aus wirtschaftlicher Not ihre Freiheit oft ungenutzt lassen. Er sähe die Medien lieber in den Händen der Gesellschaft und betonte: nicht des Staates.

Bestraft wird der Whistleblower, nicht die Straftat

Laut Investigativ-Journalistin Sylke Gruhnwald stehen in westlichen Demokratien zunehmend die Geschäftsinteressen einzelner dem Gemeinwohl entgegen. Sie selbst hat sich unter anderem über zehn Jahre lang mit der Whistleblowerin in einem Lebensmittelskandal beschäftigt und die Quintessenz als «Whistleblowerin / Elektra» im Zürcher Theater am Neumarkt auf die Bühne gebracht. Wie einige Vorredner beklagt auch sie, dass man eher einen Whistleblower verurteilt, als die eigentliche Straftat: Durch Julian Assange wissen wir über Kriegsverbrechen und durch den Mut eines Bankmitarbeiters wurde der Cum-Ex-Skandal aufgedeckt.

Bedrohendes Kollektiv

Iris ter Schiphorst thematisiert genau diesen Mut eines Einzelnen, in dieser Aufführung der Sopranistin Sarah Maria Sun, gegenüber einem Kollektiv. Bombardiert von Propaganda und betäubt von Marschrhythmen, präzise dirigiert von Corinna Niemeyer, lässt sie die Sopranistin um Worte ringen. Als „eingekerkert“ beschreibt die Komponistin sie im späteren Gespräch. Sarah Maria Sun stellt auch mit pantomimischen Mitteln ihre Sprachlosigkeit dar, die schließlich doch in Kantilenen aufblüht, vom Ensemble übertönt, aber nicht erstickt. Das wiederholte Dreitonmotiv gegen Ende schimmert wie Hoffnung durch das bedrohliche Schluss-Crescendo, der eingeblendete Wortfetzen „international community“ schien eine Richtung zu weisen, die auch in den Wortbeiträgen immer wieder angeklungen war: die Hoffnung auf erfolgreichen Protest in den sozalen Medien,  das mächtige Weiße Rauschen der Gesellschaft.

DORIS KÖSTERKE
11.4.2021

Eröffnung des Festivals Rheingau Sommer

 

ELTVILLE-ERBACH. „Ein mit achtzig Zuhörern ausverkauftes Konzert“, seufzt Bruno M. Brogsitter, Geschäftsführer des Festivals Rheingau Sommer. „Burghofspiele“ kann man es derzeit kaum nennen, denn der namensgebende Schauplatz steht derzeit dafür nicht zur Verfügung. „Wir sind glücklich, wenn wir auch diesen Sommer halbwegs schadlos überstehen“, sagt Brogsitter. …weiterlesen

„amarcord“ beim Mainzer Musiksommer

MAINZ. Beim „Mainzer Musiksommer“ begeisterte das Gesangsensemble „amarcord“ in vielfacher Hinsicht. Die fünf ehemaligen Thomaner hatten ihr Konzert „Meister der Renaissance“ dramaturgisch gut durchdacht: Wer von Verkehrshektik „verstimmt“ ins Kurfürstliche Schloss gekommen war, fühlte zu Beginn in drei Motetten von Josquin des Préz, wie seine inneren „Saiten“ gestimmt wurden. …weiterlesen

Mainzer Musiksommer 2021

Den Mainzer Musiksommer 2021 eröffnete ein Tschechisch-Deutsches Kammerorchester mit einem Konzert „Goldenes Prag“.

MAINZ. Märchenhaft waren die ersten Klänge in Dvořáks Streicherserenade E-Dur, op. 22. Mit dem hochsensiblen Aushorchen leisester Klänge eröffneten junge Streicher den Mainzer Musiksommer 2021. Zu diesem Anlass im Großen Saal des Schlosses hatte sich ein Tschechisch-Deutsches Kammerorchester zusammengefunden, aus Stipendiaten der Villa Musica und Mitgliedern der Tschechischen Kammermusik-Akademie. …weiterlesen

IEMA 20/21 zeigt Logik jenseits vom Mainstream

 

„Hier werden Musiker ausgebildet, die mit ihrer Musik etwas wollen“, sagt Ensemble-Modern-Fagottist Johannes Schwarz im kurzen Image-Film über die Internationale Ensemble Modern Akademie (IEMA). Die einjährige Ausbildung vermittelt ein breit gefächertes Handwerkszeug, „um als Künstler nicht nur zu überleben, sondern auch etwas zu bewegen“.

Was können Musiker bewegen? Sie können zeigen, dass mitunter auch jenseits des Gängigen eine zwingende Logik waltet. Das gelang den aktuellen IEMA-Stipendiaten im via Youtube erlebbaren ersten der drei Frühjahrskonzerte im Dachsaal der Deutschen Ensemble Akademie.

Die Klangwelt der Renaissance blinzelte durch „In Respondit – due madrigali di Gesualdo trascritti e ripensati“ von Luca Francesconi. Carlo Gesualdo (1566-1613) wollte seine musikalische Textausdeutung besonders expressiv gestalten und hat dafür in seinen Madrigalen zu Mitteln gegriffen, die zu seiner Zeit deutlich aus dem Rahmen des Konventionellen fielen. Dies hat Francesconi in seiner Komposition „per cinque strumenti con un trattamento ellettronico dello spazio (1997)” aufgegriffen und weitergetrieben. Die elektronische Raumklangbehandlung von Lukas Nowok wurde im parallelen Chat hoch gelobt. Flötist Jaume Darbra Fa, Oboistin Claire Colombo, Klarinettist Riccardo Acciarino, Bratscherin Flora Geißelbrecht und Cellist Yiyang Zhao gestalteten die klanglichen Stimmungen nach, den die Worte in der Musik hinterlassen haben. Felix Schauren dirigierte seine Mitstudenten und gab etwa klanglichen Schwebungen die nötige Zeit, um sich zu entfalten.

„Entscheidend ist die Beziehung zwischen den Elementen, nicht die Elemente selbst“, schrieb Luis Codera Puzo über sein Streichquartett „Kaolinite [Al2Si2O5(OH)4]“ (2012) „für Kontrabass, Violine, Viola und Cello”. Dem Kontrabass, ausstrahlungsreich gespielt von Zacharias Faßhauer, kam eine virtuos herausgehobene Rolle zu. Aber ohne das Zutun von Jae A Shin (Violine), Veronika Paleeva (hier Viola, sonst Violine) und Lucie Chollet (Violoncello) hätte sich die musikalische Logik zwischen den leisen geräuschnahen Gänsehaut-Klängen nicht vermitteln können.

Cellistin Lucie Chollet, Kontrabassist Zacharias Faßhauer und Pianistin Kathrin Isabelle Klein machten „Alamari“ (1983) von Franco Donatoni zum spannenden Erlebnis. Zwölf Jahre später entstanden sprach Donatonis „Triplum“ (1995) in virtuosen Läufen, Trillern und Pointilismen eine deutlich andere Sprache, „Trauben“ von Enno Poppe und das spürbar von der freien Improvisation geprägte “Khasma“ (2001) von Richard Barrett eine wieder andere.

Der gesellschaftliche Nutzen? Der Mainstream schafft große ökologische und soziale Probleme. Die IEMA sensibilisiert dafür, dass es auch anders geht.

DORIS KÖSTERKE
30.03.2021

Händelfest des „Le Concert Spirituel“

Der Beifall brandete überaus üppig durch die Basilika von Kloster Eberbach für die Musiker des Ensembles Le Concert Spirituel, Gäste des Rheingau Musik Festivals. „Händelfest“ hieß das keine Überraschung verheißende Programm: Auf die drei Suiten von Händels „Wassermusik“ folgte die Arie „Ombra mai fu“.

Geistreich, witzig, erbaulich

Weil auflagenbedingt niemand öffentlich singen darf, spielte Héloïse Gaillard die ursprünglich für einen Kastraten geschriebene Sopranstimme auf der Oboe, „geistreich, witzig, erbaulich“, wie man „Spirituel“ auch übersetzen kann.

Le Concert Spirituel

Der Name des Ensembles verweist auf die Einrichtung, die von 1725 bis 1791 auf trickreiche Weise ein bürgerliches Konzertleben in Paris etablierte: Eigentlich lag das Monopol für öffentliche Musikdarbietungen derzeit bei der königlichen Musikakademie. Doch die pausierte an den immerhin rund dreißig katholischen Feiertagen im Jahr. Da ertrotzten sich Musiker die Erlaubnis, an ebendiesen Feiertagen zu spielen – mit dermaßen viel Erfolg, dass die königliche Akademie sich die Reihe schließlich einverleibte.

Notentext gegen den Strich gebürstet

„Geistreich, witzig, erbaulich“ ist die Herangehensweise von Hervé Niquet, dem Leiter und Gründer des Ensembles: er scheint den Notentext so lange gegen den Strich zu bürsten, bis er einen erfrischenden Gehalt darin gefunden hat, etwa den witzigen Bewegungsimpuls eines Fantasiewesens. Seine Musiker sind für seine Ideen dermaßen empfänglich, dass er sie machen lassen kann. Bei der Aufführung braucht er keine großen Gesten. Bisweilen hält er die Hände still am Kinn, wie beim Nachdenken, bisweilen tanzt er mit dem Gesicht zum Publikum zur Musik seiner Mitstreiter und agiert als ihr vertrautester Fan: „Bravo!“ ruft er nach dem offensichtlich improvisierten Schlagwerk-Part mit Schellenkranz zum Abschluss der „Wassermusik“ seiner Schlagzeugerin Isabelle Cornélis zu. Das 24-köpfige Ensemble wirkt wie ein vor Lebendigkeit sprühendes Gegenbeispiel zum absolutistisch regierten Orchester-Apparat.

Dabei kämpfte das Ensemble spürbar mit der Akustik, in der die Musiker einander bestenfalls schlecht hören. Im vorderen Rund saßen die scharf konturierenden Oboen und Fagotti. Bei klanglicher Motivation griffen ihre Spieler auch zu Blockflöten oder zum Blechblasinstrument Serpent. Hinter ihnen standen die eher weichzeichnenden Streicher, im Hintergrund die jeweils ventillosen Trompeten und Hörner. Hornspieler bezeichnen ihr Instrument als göttliches, weil Gott allein weiß, was rauskommt, wenn man reinbläst. Dass man an diesem Abend spürte, dass Musik eine höchst anspruchsvolle Kunst ist, in der auch mal was schiefgehen kann, war völlig in Ordnung. Zumal das Gesamterlebnis in hohem Maße überzeugte. Erhebender Rausschmeißer war Händels „Feuerwerksmusik“. Die Musiker von Le Concert Spirituel zeigten, wie ungeahnt gut diese strapazierte Musik tatsächlich ist.

DORIS KÖSTERKE
1.7.2021

Ensemblefassung von Xerrox 4 von Alva Noto

FRANKFURT, DRESDEN. „Orthodoxes Verhalten engt letztlich ein“, findet der 1965 in Chemnitz geborene bildende Künstler Carsten Nicolai. Beim Zeichnen mit elektronischen Klängen nennt er sich Alva Noto. Das Ensemble Modern arbeitet, um sich durch kein orthodoxes Verhalten einzuschränken, immer wieder mit Künstlern von außerhalb der klassischen Musik zusammen. Frank Zappa ist das bekannteste, Alva Noto das jüngste Beispiel. Dafür hat es nach einer Partitur von Max Knoth die elektronischen Klänge von Alva Notos „Xerrox 4“ in instrumentale übersetzt. Die Uraufführung dieser Fassung wurde im Frankfurt LAB realisiert und im Synergie-Effekt der Festivals „Frankfurter Positionen 2021“ und „TONLAGEN – Dresdner Tage der zeitgenössischen Musik“ gestreamt.

Indem die Kameraführung immer wieder einzelne der hoch konzentrierten Musiker in den Fokus setzte, beschnitt sie notgedrungen die wohl auf ein ganzheitliches Erlebnis gerichteten Video-Projektionen und Lichteffekte. Alva Noto hat bei der Aufführung auch mitgewirkt. Was er von seinem elektronischen Pult alles steuerte, wurde nicht klar.

Der Name Xerrox 4

Der Name Xerrox 4 spielt einerseits auf das Vervielfältigungsverfahren der Xerografie an, hergeleitet aus ξηρός, trocken und γραφή, Schrift. Das doppelte R steht für „Error“. Kompositionstechnisch handelt es sich um einen Kopiervorgang mit eingebauten Fehlern, traditionell bezeichnet als entwickelnde Variation.

Zusammen mit einem Programmierer habe er „eine Software entwickelt, die einen Kopiervorgang ausführt mit einer ganz leichten Verschiebung der Auflösungszahl“, sagt Alva Noto im Interview mit Stefan Schickhaus. Es ist im Programmtext abgedruckt und diente hier als Steinbruch für Informationen und Zitate. „Eine CD zum Beispiel wird gesampelt mit einer Frequenz von 44,1 kHz und 16 Bit. Wenn man diese beiden Einstellungen leicht manipuliert, werden Informationen weggenommen“, sagt Noto. „Der Algorithmus denkt sich nun etwas aus, um die Lücken zu füllen. Und wird in gewisser Weise kreativ“. Mit ein wenig Übertreibung könnte man von künstlicher Intelligenz sprechen.

Im Fluss künstlicher Intelligenz

Der Reiz dieser Musik ist dem der Minimal Musik verwandt: Man kann sich dem runde 120 Minuten füllenden Fluss wie einem psychedelischen Rausch hingeben. Man kann auch versuchen, die erkannten Muster zur eigenen Orientierung zu charakterisieren. Aber bevor das gelingt, haben sie sich schon wieder verändert. Im Material klingen Klischees wie bebende Streicher-Vibrati, stummfilmdramatische Klavierdonner oder sphärisch gegeigte Vibraphonstäbe an. Doch auch sie verflüchtigen sich, kurz bevor sie auf die Nerven gehen. Gleiches gilt für einige Melodien. Die hatte Alva Noto früher vermieden. „Es ging ja um eine Negation dessen, was klassischerweise Musik ausmacht“, sagt er. Aber: „Orthodoxes Verhalten engt letztlich ein“.

DORIS KÖSTERKE
17.4.2021

 

Zum Vergleich: Eine Elektronik-Fassung auf YouTube von Mikoto Urabe: https://www.last.fm/music/Alva+Noto/Xerrox,+Volume+4/+images/c1b602fbbc6b992fe3ec2481d5761b22.