Wenn man der Cellistin Annie Jacobs-Perkins beim Spielen zusieht, spürt man: Hier spielt der ganze Mensch, kraftvoll, freudig, mit frappierender Technik, sichtbarer Phantasie, emotional, mental und körpersprachlich präsent.
Ihre Liste an gewonnenen Wettbewerben und Auszeichnungen, Auftritten mit renommierten Orchestern und Musikerpersönlichkeiten ist lang und ab Januar 2026 wird sie, nach einem langen und aufwändigen Auswahlverfahren, festes Mitglied im Ensemble Modern, als Nachfolgerin von Michael M. Kasper. …weiterlesen
Begegnungen mit Künstlern
Künstler wird man nicht, weil man
ebenso gern Jura studiert oder eine Banklehre gemacht hätte,
um dann in seiner Freizeit ein bisschen zu malen, zu basteln und Musik zu machen.
Künstler wird man, weil man „da“ nicht mitmachen will.
Worin dieses „da“ besteht, stellt sich erst heraus, wenn es über Jahre hinweg zur täglichen Frage wird,
warum man ein Herumkrebsen am Existenzminimum diesem „da“ vorzieht.
Gegenüber diesem „da“
gibt es keine Unterschiede
zwischen Malerei, Plastik, Musik, Tanz, Theater, usw.
Es gibt nur „Kunst“, die sich mit dem „da“ auseinandersetzt.
Diesen Ansatz habe ich 1992 für mich formuliert. Zwischenzeitlich hatte ich die Formulierung vergessen und beim Wiederfinden gestaunt, dass ich diesen Ansatz bis heute im Hinterkopf trage, wenn ich mich im weitesten Sinne mit Kunst und Künstlern beschäftige.
Ich suche.
Nach umweltverträglicheren Arten zu leben.
Nach erfreulicheren Formen des Miteinanders.
Nach Werten.
Nach Freude am Leben, um rechtzeitig sterben zu können.
Brauchbare Antworten habe ich am ehesten im Begegnen mit Künstlern gefunden.
Künstler, die sich in ihrer Kunst diese oder vergleichbare Fragen nicht stellen, interessieren mich allenfalls dann, wenn sie trotzdem Antworten geben.
Diese Rubrik würdigt Menschen, die mich beeindruckt und ein Stück weit geprägt haben.
Allen voran war das John Cage, dem ich eine eigene Kategorie im Hauptmenü gewidmet habe:
Acht Jahre meines Lebens habe ich der Beschäftigung mit seinen Gedanken gewidmet:
Um zu erkennen, dass er der bahnbrechendste und richtungsweisendste Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts war, muss man sich mehr mit ihm selbst und seinen Gedanken beschäftigen, als mit den Vorurteilen über ihn.
Viele Jahre habe ich gebraucht, um mir einzugestehen, dass auch ich voller Vorurteile bin.
Mein Bild von Brian Ferneyhough, zum Beispiel, war geprägt durch den markigen Ausspruch eines Flötisten:
„Wenn Ferneyhough Probleme hat, soll er zum Psychiater gehen. Ich als Interpret bin dafür nicht zuständig!“.
Das Vorurteil hat sich gehalten, über viele erlebte Aufführungen von vielen Interpreten. Bis ich Ferneyhough selbst begegnet bin.
Ein wirkliches Begegnen mit Künstlern, mit Menschen, die „anders“ sind, ist das große Privileg meines Berufes.
Materiell nährt mein Beruf mich nicht. Aber ohne diese Anregungen würde ich geistig verhungern.
Nicht immer besteht zeitnah die Möglichkeit, über eine Begegnung zu schreiben.
Folglich besagt die hier zur Verfügung gestellte Auswahl keineswegs, dass es nicht noch mehr Künstler im emphatischen Sinne des Wortes gäbe.
Ich will, dass es immer mehr werden. – Auf dieser Seite, wie im Rest der Welt!
Happy New Ears – Portrait Alex Paxton
Alle Fotos stammen von Barbara Fahle.
Frankfurt. Der Körper wisse oft mehr als der Verstand, findet Alex Paxton. Das Ensemble Modern hatte dem Engländer ein Werkstattkonzert in seiner Reihe „Happy New Ears“ gewidmet. Im Großen Saal der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst führte es, mit ihm als Solisten, seine Komposition „iLolli-Pop” auf, die mit einer Fülle von Anspielungen und sprühenden Hellwachklängen begeisterte .
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Rakhi Singh in der Frankfurter Börse
Vorurteile, Toleranz, Minimalismus und Diversität sind Themen der britischen Geigerin, Ensembleleiterin und Komponistin Rakhi Singh. Am Sonntag, dem 8. Oktober 2023 bringt sie sie in die Börse: Als Auswärtsspiel der Alten Oper wird sie zwei Konzerte im Börsenhandelssaal geben.
Rakhi Singh
Rakhi Singh erweitert das Klassikspektrum gerne um aktuelle Dimensionen. Zu ihren beiden Konzerten an diesem unüblichen Ort schreibt sie in einem Mail: „Ich liebe es, an unüblichen Orten zu spielen, da man mit dem Publikum auf eine andere Weise in Kontakt kommt“. Ein dazu passendes Stück hatte sie sofort parat, das von den Tickermaschinen an der New Yorker Börse inspirierte „Joyboy“ von Julius Eastman (1940-1990). Rakhi Singh hatte es bereits mit ihrer Gruppe „Manchester Collective“ aufgeführt. Für das Frankfurter Konzert hat sie eine Version erarbeitet, die sie allein aufführen kann.
Minimalismus
Denn das gehört zu ihren zentralen künstlerischen Anliegen: Probieren, ob eine gewünschte Wirkung, in diesem Falle der Klangeindruck von Eastmans Komposition, sich auch mit begrenzten Mitteln schaffen lässt, in diesem Falle allein mit Geige und Elektronik.
Julius Eastman, schwarz und schwul
Über die Musik von Julius Eastman schreibt sie: “Seine Werke sind mehr als nur Musik. Sie sind oft politische Aussagen und spiegeln die Kämpfe wider, die viele Menschen durchmachen mussten und teilweise immer noch müssen, nur weil sie sind, wer sie sind. Er war ein schwarzer schwuler Mann, der von 1940 bis 1990 in New York lebte. Vieles in seiner Musik ist wunderschön, anderes ist voller Kraft und Kampf“.
Von Barock bis Bang-On-A-Can
Julius Eastman war einer der ersten Komponisten von Minimal Music überhaupt. Auch andere Programmpunkte verheißen Nähe zu einer geisteich-unterhaltsamen Musik, in der ein eher begrenztes Material etwa über raffinierte Rhythmik, Überlagerungen und Verschachtelungen zu immer wieder neuen Gestalten findet, etwa von Michael Gordon, der zusammen mit David Lang und Julia Wolfe das New Yorker Bang-On-A-Can-Festival initiiert hat. Julia Wolf wiederum war eine der Lehrmeisterinnen der 1980 in London geborenen Anna Clyne, die am 8. Oktober ebenfalls auf dem Programm steht.
Aber auch Barockes wird erklingen, von Nicola Matteis. Um 1650 in Neapel geboren, hat es ihn nach Großbritannien verschlagen, wo er mindestens bis 1713 nachweisbar war, bevor seine Spur sich verlor.
Diversität
Rakhi Singh wird auch mindestens eine eigene Komposition spielen. Darauf darf man an diesem Ort besonders neugierig sein, denn ihre Musik speist sich aus dem, wie sie die Welt erlebt: „Die Welt wäre langweilig, wenn wir alle gleich wären und dasselbe mögen würden“, schreibt sie. Da möchte man gerne noch einen Schritt weitergehen und die Verschiedenheit von Menschen mit Biodiversität vergleichen: Je verschiedener wir uns erlauben zu sein, umso größer sind unsere Chancen, mit den begrenzten Ressourcen klar zu kommen.
Vorurteile überwinden
Zwischenmenschliche Verschiedenheiten, sind jedoch immer wieder herausfordernd: „Ich verbringe einen Großteil meines Lebens damit, meine Vorurteile zu überwinden und darauf zu hören, was mein Instinkt über etwas denkt. Ob es eine Verbindung zu meinem Herzen herstellt und wie ich mich dabei fühle“, schreibt Rakhi Singh und resümiert: „Musik kann uns lehren, dass wir nicht alle gleich sind. Gleichzeitig bringt sie uns zusammen“, im gemeinsamen konzentrierten Zuhören und Sich-Öffnen.
DORIS KÖSTERKE
September 2023
Auswärtsspiel der Alten Oper:
Rakhi Singh, Violine und Elektronik
Sonntag 08. Oktober 2023
Zwei Konzerte, um 15 und um 18 Uhr im Börsenhandelssaal der Börse Frankfurt, Börsenplatz 4.
Jens Barnieck, Schamanen und Dämonen
„Schamanen und Dämonen“ hat der Pianist Jens Barnieck das Konzert überschrieben, das er am 19. November im neuen Domizil des art.ist in der Walkmühle spielen wird. …weiterlesen
Catherine Milliken über NIGHT SHIFT
Frankfurt/Offenbach/Berlin. „Komponieren ist ein Weg, wie man Menschen zusammenbringt“, definiert Catherine Milliken erfrischend unkonventionell. Am Sonntag, den 27.2.2022 wird im Capitol Offenbach im Rahmen des cresc… Festivals ihr Stück „Night Shift“ (2021) aufgeführt. Darin sind die Zuhörenden als Mitwirkende gefragt. …weiterlesen
Manos Tsangaris zu „PYGMALIA“

Manos Tsangaris (*1956) hat für PYGMALIA Musik, Text, Licht, Ton, und Szene durchkomponiert und ist gleichzeitig Regisseur. – Foto von Fabian Stürtz.
Frankfurt. Pygmalia schafft sich den idealen Mann. Im gleichnamigen Musiktheaterstück von Manos Tsangaris ist sie Videokünstlerin. Und Bildhauerin, analog zu ihrem mythologischen Vorbild Pygmalion, der sich in sein eigenes Werk so sehr verliebte, dass die Liebesgöttin Venus sich erbarmte und die Statue zum Leben erweckte. …weiterlesen
Gespräch mit dem Schlagzeuger Moritz Koch
Frankfurt/Köln. „Sobald ich sage, wo ich meinen Master gemacht habe, öffnen sich Türen“, sagt Moritz Koch. Der 1997 geborene Schlagzeuger war 2020/21 Stipendiat der Internationalen Ensemble Modern Akademie (IEMA) und hat diesen Studiengang an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst mit der Bestnote abgeschlossen. Nun setzt er an der Kölner Musikhochschule noch ein Solistenstudium bei Dirk Rothbrust und Carlos Tarcha drauf. Parallel arbeitet er mit verschiedenen freien Ensembles in vielen freien Projekten …weiterlesen
Portraitkonzert Farzia Fallah
FRANKFURT. „Unsicherheit ist für mich immer ein Thema“ sagte Farzia Fallah zu Karin Dietrich. …weiterlesen
Bratscherin Francesca Venturi Ferriolo
„Ich will in Menschen etwas zum Klingen bringen, das vorher stumm war“, sagt Francesca Venturi Ferriolo. Sie lebt in Frankfurt, arbeitet als freischaffende Barock-Bratschistin, lehrt an der Musikschule in Hofheim und schreibt an ihrer Doktorarbeit über das Repertoire für Solo-Bratsche. …weiterlesen
Auf der Suche nach Schönheit: Alfred Stenger
Wenn man in Gegenwart von Alfred Stenger ein beliebiges Musikstück erwähnt, singt er spontan daraus vor: etwa das Hautthema oder einen besonders schönen Nebengedanken. Oder eine musikalische Schlüsselstelle, die der Komponist besonders geschickt eingefädelt hat. …weiterlesen
