Ensemblefassung von Xerrox 4 von Alva Noto

FRANKFURT, DRESDEN. „Orthodoxes Verhalten engt letztlich ein“, findet der 1965 in Chemnitz geborene bildende Künstler Carsten Nicolai. Beim Zeichnen mit elektronischen Klängen nennt er sich Alva Noto. Das Ensemble Modern arbeitet, um sich durch kein orthodoxes Verhalten einzuschränken, immer wieder mit Künstlern von außerhalb der klassischen Musik zusammen. Frank Zappa ist das bekannteste, Alva Noto das jüngste Beispiel. Dafür hat es nach einer Partitur von Max Knoth die elektronischen Klänge von Alva Notos „Xerrox 4“ in instrumentale übersetzt. Die Uraufführung dieser Fassung wurde im Frankfurt LAB realisiert und im Synergie-Effekt der Festivals „Frankfurter Positionen 2021“ und „TONLAGEN – Dresdner Tage der zeitgenössischen Musik“ gestreamt.

Indem die Kameraführung immer wieder einzelne der hoch konzentrierten Musiker in den Fokus setzte, beschnitt sie notgedrungen die wohl auf ein ganzheitliches Erlebnis gerichteten Video-Projektionen und Lichteffekte. Alva Noto hat bei der Aufführung auch mitgewirkt. Was er von seinem elektronischen Pult alles steuerte, wurde nicht klar.

Der Name Xerrox 4

Der Name Xerrox 4 spielt einerseits auf das Vervielfältigungsverfahren der Xerografie an, hergeleitet aus ξηρός, trocken und γραφή, Schrift. Das doppelte R steht für „Error“. Kompositionstechnisch handelt es sich um einen Kopiervorgang mit eingebauten Fehlern, traditionell bezeichnet als entwickelnde Variation.

Zusammen mit einem Programmierer habe er „eine Software entwickelt, die einen Kopiervorgang ausführt mit einer ganz leichten Verschiebung der Auflösungszahl“, sagt Alva Noto im Interview mit Stefan Schickhaus. Es ist im Programmtext abgedruckt und diente hier als Steinbruch für Informationen und Zitate. „Eine CD zum Beispiel wird gesampelt mit einer Frequenz von 44,1 kHz und 16 Bit. Wenn man diese beiden Einstellungen leicht manipuliert, werden Informationen weggenommen“, sagt Noto. „Der Algorithmus denkt sich nun etwas aus, um die Lücken zu füllen. Und wird in gewisser Weise kreativ“. Mit ein wenig Übertreibung könnte man von künstlicher Intelligenz sprechen.

Im Fluss künstlicher Intelligenz

Der Reiz dieser Musik ist dem der Minimal Musik verwandt: Man kann sich dem runde 120 Minuten füllenden Fluss wie einem psychedelischen Rausch hingeben. Man kann auch versuchen, die erkannten Muster zur eigenen Orientierung zu charakterisieren. Aber bevor das gelingt, haben sie sich schon wieder verändert. Im Material klingen Klischees wie bebende Streicher-Vibrati, stummfilmdramatische Klavierdonner oder sphärisch gegeigte Vibraphonstäbe an. Doch auch sie verflüchtigen sich, kurz bevor sie auf die Nerven gehen. Gleiches gilt für einige Melodien. Die hatte Alva Noto früher vermieden. „Es ging ja um eine Negation dessen, was klassischerweise Musik ausmacht“, sagt er. Aber: „Orthodoxes Verhalten engt letztlich ein“.

DORIS KÖSTERKE
17.4.2021

 

Zum Vergleich: Eine Elektronik-Fassung auf YouTube von Mikoto Urabe: https://www.last.fm/music/Alva+Noto/Xerrox,+Volume+4/+images/c1b602fbbc6b992fe3ec2481d5761b22.

„Klassik-Band“ Spark als Gast der Klosterkonzerte

 

FRANKFURT. Als Gast der „Klosterkonzerte“ zeigte das Ensemble Spark in seinem Programm „Be Baroque“, was gute Musik ist. Die fünf Musiker hatten sich 2007 zur „Klassik-Band“ Spark zusammengeschlossen, um Meisterwerke der Musikgeschichte so zu vermitteln, dass sie zünden, wie Rockmusik. Ohne Elektronik, ohne Showeffekte. Nur mit Blockflöten, Geige, Cello und Klavier. Vier Jahre später wurden sie mit dem ECHO Klassik ausgezeichnet.

Bei ihrem Konzert im Karmeliterkloster begeisterten sie trotz erschwerter Bedingungen: Indem das Publikum ausgeschlossen blieb, fehlten nicht nur die „Dämpfer“ gegen die Überakustik im Refektorium. Ihr Musizierstil ist auf Blickkontakte mit dem Publikum ausgelegt, die beim Aufschaukeln von musikalischen Energien wie Katalysatoren wirken: Die Blockflötisten Andrea Ritter und Daniel Koschitzki und die Streicher Stefan Balazsovics (Geige) und Victor Plumettaz (Cello) spielen auswendig. Nur Pianist Christian Fritz hat Blätter vor sich, die eher Improvisations-Skizzen als Noten ähneln. Flötisten und Geiger agierten im Stehen. Das erfordert und steigert eine uneingeschränkte Präsenz und Vitalität.

Gute Musik braucht diese Präsenz und Energetik, aber auch hochwertige Substanz nebst ebenso hochwertiger „Rückverdünnung“: den Spielern muss durch und durch klar sein, was sie spielen und mit welchen Mitteln sie die Wiederbelebung durch die Interpretation vornehmen. Da machen es die Spark-Mitglieder wie Johann Sebastian Bach, der sich fremde Werke zu eigen machte, indem er sie bearbeitete. Noch heute empfehlen manche Kompositionslehrer das Abschreiben von Werken als erbarmungslos gründliche Methode, sich bei jeder Note zu fragen: warum hat der Komponist das so und nicht anders gemacht? Im Bearbeiten fremder Werke geht diese intensive Form der Aneignung noch einen Schritt weiter. Bach nahm ein Konzert von Vivaldi für vier Violinen und Cello (RV 580) und machte daraus sein Konzert in a-Moll BWV 1065 für vier Cembali. Wie Konzertveranstalter Thomas Rainer im parallelen Chat genau kommentierte, schöpften die beiden Spark-Blockflötisten Andrea Ritter und Daniel Koschitzki ihr Arrangement aus beiden Werken zugleich. Den Finalsatz vermittelte das Ensemble so perlend und blubbernd wie sprudelndes Wasser. Wie der Stuttgarter Komponist Sebastian Bartmann, von dem sie etwa „d minor“ spielten, erweitern auch sie das barocke Notengerüst mit Techniken der Minimal Musik, übertragen Techniken der elektronischen Musik wie Loops oder Arpeggiatoren auf akustische Instrumente zurück und lassen sich von Luciano Berio inspirieren. Hinzu kommen instrumentale Raffinessen, die etwa der Geigenkunst von Sinti und Roma entstammen. Und Songs der Beatles: In seinem Projekt „Beatles go Baroque” hatte Peter Breiner sie zu Concerti grossi im Bach-Stil verarbeitet. Aus ihnen spielte Spark „Michelle“ und „Help“. „Help“ auch mit der programmatischen Absicht, der von Corona-Maßnahmen gebeulten Musik zu helfen: Auch die Konzertagentur Allegra, die nicht nur etablierte Ensembles wie Spark einlädt, sondern ganz besonders auch jungen, noch unbekannten Künstlern Bühnenerfahrung ermöglicht, bangt um ihre Existenz. Auch, wenn sich aktuell über die Crowdfunding-Plattform „kulturMut“ noch genügend Unterstützer zusammengefunden haben, um wenigstens diese Konzertsaison noch zu ermöglichen.

DORIS KÖSTERKE
17.5.2021

weitere, ebenfalls durch Crowdfunding ermöglichte Konzerte am 27.06., 11.7. und 3.10.2021, jeweils um 17 Uhr.

 

Osthang – Ein Theatererlebnis mit Tiefenwirkung

DARMSTADT. Auf Waldboden gehend lauscht man den Klängen im „Osthang“: Über Monate hinweg hat Komponist Arne Gieshoff die Geräusche in dem kleinen Waldstück an der Mathildenhöhe aufgenommen: Wind, Vögel, knackende Äste, Schritte von Tieren und von Menschen im Schnee, im Nassen, auf trockenem Boden. Alle Klänge, die man auf diesem von Staatstheater Darmstadt in Auftrag gegebenen und realisierten „musiktheatralen Spaziergang“ hört, der jüngst Premiere hatte, sind aus diesen Feldaufnahmen abgeleitet. Gieshoff hat sie digital „unter die Lupe genommen“ und Aktionen für Sänger und Musiker daraus entwickelt. Die Klänge kommen zum Teil aus Lautsprechern, die über den gesamten Wald verteilt sind. Zum Teil werden sie während der Aufführung erzeugt. Man geht umher wie ein Flaneur, der ziellos mal das eine und das andere auf sich wirken lässt, wobei digital vermitteltes und analoges oft nicht zu unterscheiden sind: Mal sucht man vergeblich nach der gehörten Vogelschar, mal entdeckt man, dass die feinen Klänge aus dem Gebüsch kommen, in dem sich ein Kontrabassist versteckt. Die beteiligten Sänger können sich ihre Aktionen aus einem vom Komponisten erstellten Katalog auswählen. Sie singen nur selten. Mit der zelebrierten Neugier eines Forschers hält Tenor Michael Pegher das Mikrophon an Blätter und Gräser und Bariton David Pichlmaier macht die Rinde eines Baumes zum feinsinnigen Perkussionsinstrument. Zu allen Jahreszeiten, in denen das Projekt gereift ist, hat Fabio Stoll 360°-Videos vom Osthang gedreht. Über einen QR-Code kann man sie mit dem eigenen Smartphone aufrufen, um seine eigene Wahrnehmung im Sinne einer „augmented reality“ zu erweitern. Eins zeigt Kammersängerin Katrin Gerstenberger, wie sie mit einer Schildkröte in diesem Waldstück spazieren geht – eine Anspielung auf Walter Benjamins Bemerkung im „Passagenwerk“, Flaneure hätten sich zeitweilig ihr Gehtempo von einer von einer ausgeführten Schildkröte bestimmen lassen.

Die vom Komponisten angestrebte Entschleunigung, die die vielen Schichten des Augenblicks bewusst macht, wird durch die Regie von Franziska Angerer verstärkt. Für beide war es eine Reise ins Unbekannte, beide äußern sich „selber überrascht“. Diese Entdeckerfreude überträgt sich: Man hat nicht das Gefühl, etwas verstehen zu müssen. Der Fokus liegt nicht auf einer Bühne, sondern auf der eigenen Wahrnehmung. Wobei es sich trotzdem lohnt, mit den Künstlern zu sprechen, die zwischen den Besuchern umherschlendern, etwa mit Olivia Rosendorfer, deren Kostüme Kleidungsstile aus fünf Jahrhunderten mit einer „Gender-Fluidität“ verbinden.

Man erfährt auch von der Zusammenarbeit mit dem Kollektiv von jungen Kreativen, das in diesem Waldstück in Nachbarschaft zum Jugendstil mit eigenen künstlerischen Utopien experimentiert. Und dass das Motto „Komm ins Offene“ auch dazu ermutigen will, nicht alles gleich in hermeneutisch beschriftete Schubkästchen zu sortieren: Nur die eigene, lebendige, nach allen Seiten offene Wahrnehmung kann einem sagen, was man mit seinen Mitteln tun kann, um diese Welt lebenswert zu halten. Geistiger Vater dieser „Allaufmerksamkeit“ war John Cage, der in einer historischen Aufnahme dieses Theatererlebnis durchtönt.

DORIS KÖSTERKE
3.6.21

 

Weitere Vorstellungen am 29. Juni, jeweils um 19 und um 20 Uhr. Eingang: Olbrichstr. 19.

 

Bei allzu schlechtem Wetter muss die Vorstellung ausfallen. In Zweifelsfällen kann man am Vorstellungstag ab 17 Uhr unter 06151-2811863 nachfragen.

Magdalena Fuchsberger und das Chthuluzän

DARMSTADT. Herzblut und Spielfreude prägen die Wiederbelebung der barocken Musik von Christoph Graupner in „La costanza vince l’inganno“ (Die Beständigkeit besiegt den Betrug, 1715)in der Inszenierung von Magdalena Fuchsberger am Staatstheater Darmstadt. Die Premiere fand im Rokoko-Ambiente des Heckentheaters im Prinz-Georg-Garten statt. Dank Tonmeister Christoph Kirschfink war die Akustik erstaunlich gut.

Landgraf Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt hatte in Hamburg eine Oper von Christoph Graupner gehört und den Komponisten 1709 an seinen Hof verpflichtet. Graupner (1683-1760) hätte zwischenzeitlich auch Thomaskantor in Leipzig werden können, blieb jedoch bis zu seinem Tod in Darmstadt und schrieb dort unter vielem anderen seine Pastorale „La costanza vince l’inganno“ (1715). Die Inszenierung von Magdalena Fuchsberger degradiert das barocke Zeittotschlags-Libretto (ein Verwirrspiel darum, wer wen liebt, zu lieben vorgibt oder zu lieben bestreitet) zur Trägerfolie für die Musik und fügt reichlich Gedankenfutter in Form gesprochener Texte ein. Etwa von Donna Haraway, Jacopo Sannazaro, Anne Sexton, Rosa Braidotti, Rosa Luxemburg, Ana Mendieta oder Wytske Versteeg, verbunden mit der expliziten Ermunterung vom Dramaturgen Carsten Jenß, sich schlau zu machen, wenn man nicht weiß, wer das jeweils ist: Die Wissenschaftstheoretikerin Donna Haraway etwa plädiert dafür, dass wir selbstkritisch und unermüdlich von den uns umgebenden nichtmenschlichen Wesen lernen sollten, wie wir auf konstruktive Art miteinander umgehen können, um gemeinsam zu überleben. Chthuluzän nennt sie ihr Ideal, das sie Anthropozän und Kapitalozän gegenüberstellt als einen Zeitort fortdauernden verantwortungsvollen Lernens. Dieser Tenor passte hervorragend zum Motto „Komm ins Offene“, mit dem das Staatstheater Darmstadt dazu inspirieren will, Konventionelles zu hinterfragen und gegebenenfalls über Bord zu werfen.

Etwa die Sehnsucht nach dem Himmel auf Erden: Im Sprechtheater-Vorspiel zu Graupners Pastorale lädt Landgraf Ernst Ludwig, alias Meleagro, alias Tirsis (David Pichlmaier) eine handverlesene Schar von Gefolgsleuten in die ländliche Idylle ein, um erkennen zu müssen, dass er mit ihnen auch die verhassten Strukturen in sein Arkadien importiert: seine eigene Selbstverliebtheit, der seine Partnerin Atlanta, alias Cloris (Cathrin Lange) als Dekoration nicht recht genügt, zumal sie weniger in ihn verliebt scheint, als in den materiellen Status, den er ihr verschafft. Die sonderliche Silvia (Jana Baumeister) hängt ihr Herz eher an Kohlmeisen und wird dafür zugleich von der wertkonservativen Aminta (Lena Sutor-Wernich) und dem treuen Alindo (Michael Pegher) geliebt.

Allerhöchstes Lob verdienen Alessandro Quarta und die von ihm geleiteten Musiker des Staatsorchesters. Sie brachten diese Musik zum Atmen, mal in schwelgenden langen Zügen, mal geradezu japsend eine übergeordnete Spannung aufbauend schufen sie ein irdisches Stück Himmel,  zusammen mit den strahlend timbrierten Sopranstimmen von Jana Baumeister und Cathrin Lange. Und von Michael Pegher, der verschmitzt in den Klang der Instrumente lauschte, um seinen Stimmklang darin einzuweben.

DORIS KÖSTERKE
17.6.2021

 

Aus Bach mach neu: Wolfgang Katschner

 

FRANKFURT. Viele Musiker haben sich im Corona-Lockdown wie lebendig begraben gefühlt. Ihre „Auferstehung“ sollte auch bei den Frankfurter Bachkonzerten gefeiert werden. Dafür wollte Wolfgang Katschner den Weg aus dem Dunkel ans Licht mit Werken von Bach nachzeichnen, aber zur Sommerzeit nicht etwa mit dessen Osterkantaten. Also machte er etwas, was Johann Sebastian Bach auch häufig selbst getan hat: er „recycelte“ bestehende Kompositionen und stellte aus den mehr als zweihundert Kantaten von Johann Sebastian Bach zwei neue zusammen. Die hat er jüngst mit seiner Lautten Compagney Berlin, dem Gesangsensemble Capella Angelica und der Sopranistin Dorothee Mields im Großen Saal der Alten Oper aufgeführt.

Beide Pasticcio-Kantaten waren ein jeweils achtteiliger Wechsel zwischen kammermusikalischen Besetzungen und solchen mit Streichern, Holzbläsern, Pauken und Trompeten. Die erste dieser Konglomerate aus Rezitativen und Arien war „Mein Herze gläubt und liebt“ überschrieben, nach der eingebauten Arie aus der Kantate 75. Zur Einleitung erklang der langsame Zweite Satz aus dem ersten der Brandenburgischen Konzerte. Leider degradierte die Größe des Raumes die Lauten zur Rhythmusgruppe. In anfänglichen, bald aufgefangenen Koordinationsschwierigkeiten und im allgemein eher angestrengt wirkenden Gestus meinte man den Musikern die Nachwirkungen der langen Einzelhaft-Situation in der Übezelle anzumerken. Dennoch ließen sie die lokomotivenstarke Energetik unter der elegischen Oberfläche spüren. Das folgende Rezitativ „Mein Gott, wie lang, ach lange“ aus der gleichnamigen Kantate 155 ist ein Beispiel, wie tief vertraut Bach mit dem Leiden eines Menschen war, der an seinem Kranksein verzweifelt. Dorothee Mields gelang die ideale Balance zwischen dem Einfühlen und Ausgestalten und zugleich dem Überformen der Verzweiflung in musikalischer Schönheit. Dass man in Bachs Musik immer beides spürt, die Schattenseiten und die Kraft, die darüber hinwegträgt, bleibt auch dann ein Faszinosum, wenn man die pietistischen Texte als schwer verdaulich überhört.

Dramturgie mit langer und intensiver Nachwirkung

Seine erste Kantate ließ Katschner mit dem Choral „Singet dem Herrn ein neues Lied“ (aus BWV 190) ausklingen. Die vier Gesangssolisten der Capella Angelica ersetzten den Chor, die letzte Strophe sang Dorothee Mields allein: Rückzug in eine schlichte, aufrichtige Religiosität, mit dem Bach wohl jedes seiner großen Werke beschließt. Nach der Zweiten Kantate „Ein neues Lied wir heben an“ wurde die Demutsgeste in der Zugabe noch einmal aufgegriffen und gesteigert: der gleiche Choral ohne Pauken und Trompeten, über zartester Streicherbegleitung. Aus dieser Dramaturgie gewann der Abend seine lange und intensive Nachwirkung.

DORIS KÖSTERKE
20.06.2021

Dem Ensemble Modern von Manfred Stahnke

 

 

Mit einer offenen Frage schließt das Stück ›em 40‹, das Manfred Stahnke dem Ensemble Modern zum vierzigsten Geburtstag gewidmet hat. Den Ernst dieses Statements zu diesen Zeiten unterstrich die Stellung der Uraufführung: ›em 40‹ war das erste Werk, das der basisdemokratisch organisierte Klangkörper in diesem Jahr öffentlich erklingen ließ.

Ensemble Modern On Air

Das Konzert fand ohne Publikum im Dachsaal der Deutschen Ensemble Akademie statt. Den Livestream kann das Ensemble allein aus wirtschaftlicher Not nicht mehr, wie zuvor, unentgeltlich anbieten. Immerhin gibt es ein solidarisches Preissystem von einem „Einsteigerpreis“ von fünf, bis zu einem „Unterstützerpreis“ von dreißig Euro. Dass das Online-Ticket-Unternehmen eine zusätzliche Service-Gebühr erhebt, erscheint in diesem Zusammenhang als bitterer Hohn auf die Wertschätzung künstlerischer Arbeit.

Knisternde Konzentration

Die künstlerische Leistung war, wie eigentlich immer beim Ensemble Modern, enorm. Ein Blick in die Gesichter verriet die knisternde Konzentration in diesem latenten Flötenkonzert. Der Part des Flötisten Dietmar Wiesner, letztes noch aktives Gründungsmitglied, ist so vollmundig-virtuos, wie dieses weltweit gefragte Ensemble für Neue Musik. Die Rolle des Streichquartetts, das ihn umgibt, ist so wortkarg wie ätherisch, dass jede Nuance im Tonfall, jedes Quäntchen mehr oder weniger Lautstärke an Bedeutung gewinnt. Die Dosierung scheint unter der Leitung von Silvain Cambreling genau abgestimmt, aber auch gefährdet zu sein.

„Ebe und Anders“ von Pierluigi Billone

Warum Pierluigi Billone sein Stück für 7 Instrumente (2014) „Ebe und Anders“ nannte, bleibt der Fantasie des Fragenden überlassen. Die herausgehobenen Rollen von Trompeter Sava Stoianov und Posaunist Uwe Dierksen legten nahe, dass der Titel auf Andreas Eberle (Posaune) und Anders Nyqvist (Trompete) anspielt, Kollegen im Klangforum Wien, dem diese Reise durch ungewöhnliche Klangwelten gewidmet ist. Die Menschen an den Kameras gaben sich alle Mühe, dieses Erkunden durch Nahaufnahmen noch anschaulicher zu machen: In einem Konzert hätte man das leise Klopfen auf den Wirbelkasten der E-Gitarre (Christopher Brandt) möglicherweise ebenso wenig wahrgenommen wie das durch leichte Schläge auf das Brustbein hervorgerufene Trompeten-Vibrato oder die Ausdruckstanz-ähnliche Choreographie des Posaunen-Dämpfers. Manches erinnerte an emotionale Äußerungen in einer unbekannten Fremdsprache, Tonfälle, die man irgendwie „versteht“.

„REMIX“ von Georg Friedrich Haas

Georg Friedrich Haas nannte sein Stück „REMIX“, weil er darin eigentlich nur Elemente aus früheren Werken in einen neuen Zusammenhang stellen wollte. Entgegen seiner ursprünglichen Absicht betrat er dennoch Neuland in Form einer Dichte, die zu einer eigenen Qualität wurde. In Haas Worten: „Der musikalische Sinn entsteht dabei nicht aus den einzelnen Tönen und Klängen (er entsteht auch nicht aus den Ereignissen in den einzelnen Stimmen), sondern er entsteht nur aus dem Gesamtklang“. Die Musikerinnen und Musiker, darunter auch der Komponist und Oboist Tamon Yashima, der 2019/20 Stipendiat der Internationalen Ensemble Modern Akademie war, handhabten die virtuosen Anforderungen entspannt. Man spürte ihre gesteigerte Aufmerksamkeit gegenüber dem entstehenden Ganzen, einem im Wortsinne „Heiligen“.

DORIS KÖSTERKE
26.1.2021

 

Happy New Ears für Unsuk Chin

„Unüberheblicher Witz“ – damit hatte Moderatorin Kerstin Schüssler-Bach ungemein treffend beschrieben, was Unsuk Chin versprüht. Der 1961 in Korea geborenen Komponistin war das jüngste Werkstattkonzert Happy New Ears des Ensemble Modern gewidmet, das als Lifestream aus dem Dachsaal der Deutschen Ensemble Akademie übertragen wurde. Unsuk Chin war dazu aus Rom zugeschaltet, wo sie derzeit als Stipendiatin in der Villa Massimo weilt. In der Nahaufnahme sah man ihre meist verschmitzt verengten Augen. Und wenn sie sie, selten, ein wenig öffnete, den Schalk darin blitzen.

Den gleichen Eindruck vermittelte ihre Musik. …weiterlesen

Happy New Ears für Claude Vivier

FRANKFURT. Einsamer Waisenjunge mit Herz für Kirche und Clochards startet internationale Karriere als Komponist und wird im Alter von 34 Jahren von einem Strichjungen ermordet. So könnte man das Leben des Kanadiers Claude Vivier (1948-1983) zusammenfassen. Ihm widmete das Ensemble Modern sein jüngstes Werkstattkonzert Happy New Ears, das unter Corona-konformen Bedingungen im Großen Saal der Musikhochschule stattfand. Im Mittelpunkt stand die knapp halbstündige, von Dantes Göttlicher Komödie inspirierte Komposition Lettura di Dante (1974) für Kammerensemble und Sopran. Solistin war Sarah Maria Sun, die mit wandlungsfähigem Schönklang von voller Körperlichkeit zum Laserstrahl, von Fata-Morgana-ähnlichen Vibrato zum Seidenfaden ebenso begeisterte, wie Dirk Kaftan als Dirigent.

Herz im Schuh

Der Musikwissenschaftler Stefan Drees fand anschauliche Worte für die Besonderheit der Komposition: Als Schüler von Karlheinz Stockhausen hatte Claude Vivier dessen Komposition „Mantra“ analysieren müssen, die konsequent aus einer zugrunde gelegten musikalischen „Formel“ abgeleitet ist. Nach ungefähr diesem Vorbild hat Vivier auch Lettura di Dante aus einer Keimzelle entwickelt, einer Melodie, die Vivier nach eigenen Angaben den ganzen Tag über vor sich hinsang, bis sie aus sich heraus Form gewann. Beim Blick auf das Notenbild dieser Melodie staunte man über die minimalistische Faktur: Manche Elemente scheinen aus einem folkloristischen Jodeln destilliert. Im Zentrum steht ein langer hoher Liegeton, dem nach einer Pause, einen Halbton tiefer, ein zweiter folgt: Abstrakter geht es nicht. Aber so, wie Sarah Maria Sun das sang, zog es einem die Schuhe aus. Weil das Herz hineingerutscht war.

Rituale und ironische Distanz

Mehrdimensional aufgefächert wie die zugrundeliegende Melodie ist auch die Sprache: der italienische Text ist manchmal klar verständlich, meist jedoch auf Vokalfarben reduziert, mal durch eine Fantasiesprache, durch Morsezeichen und Gebärdensprache erweitert.
Vieles erinnert an spirituelle Rituale. Aber die erfahren gleichzeitig eine ironische Distanzierung. Etwa, wenn man nach einem wiederholten Klangholz-Signal eine dritte Wiederkehr erwartet, die jedoch so lange auf sich warten lässt, dass man unwillkürlich lacht, wenn sie doch noch eintritt. Oder wenn die Sopranistin die (bei Dante so nicht genannte) Quintessenz, „ho visto dio“, ich habe Gott gesehen, nicht drei oder sieben oder zwölf, sondern dreizehn Mal wiederholt.

Schönheit

Viviers instrumentale Klangsprache birgt ungewöhnliche, aus erweiterten Spieltechniken zusammengesetzte Klänge. Das Ensemble spürte sensibel ihrer Schönheit nach.

DORIS KÖSTERKE
16.10.2020

Barocknacht 2020 im Corona-Modus

Kaum bekanntgegeben, war sie schon ausverkauft, die Barocknacht 2020 am Institut für historische Interpretationspraxis (HIP) an der Frankfurter Musikhochschule (HfMDK). In früheren Sommern bestand sie aus vielen kleinen parallelen Konzerten. Über den Nachmittag und den früheren Abend hinweg stellten sich darin die einzelnen Musikerinnen und Musiker vor, die dann in einer großen, oft bis nach Mitternacht währenden Opernaufführung vereint waren. Das Programm tourte durch Burgen und Schlösser des Rhein-Main-Gebiets, die ihm einen jeweils spezifischen atmosphärischen und kulinarischen Rahmen gaben. Freunde und Verwandte reisten an, um ihre persönlichen Hoffnungsträger auf den Bühnen zu erleben. Die gehobene Stimmung aus Wiedersehens- und Gaumenfreuden stand über Nervosität und Perfektion.

Corona prägt die Barocknacht 2020

In diesem Jahr war der Event auf drei Konzerte in der Musikhochschule kondensiert, zwischen denen man sich entscheiden musste. Wer keine der sehr raren Karten mehr bekommen hatte, konnte die Konzerte im Livestream verfolgen. Eine Pressekarte war nur noch für den späten Abend zu bekommen. Man betrat den Kleinen Saal mit den stark ausgedünnten Sitzreihen und suchte sich einen nicht in Dunkelgrün oder Violett überklebten Platz im Bewusstsein, an etwas ganz Besonderem teilzuhaben.

Erbarmungslos anspruchsvoll

Statt großer Oper gab es kleine, erbarmungslos anspruchsvolle Kammermusikformationen, beginnend mit der Sonate VI für zwei Celli aus dem Livre II (1735, Paris) von Jean Baptiste Barriere (1707-1747). Barrier war ein Virtuose, der wohl primär zur cellistischen Selbstdarstellung komponierte. Die Rollen waren sehr ungleich verteilt: Felicitas Weissert leistete die offensichtliche virtuose Schwerstarbeit. Souverän bespielte sie das Griffbrett in den Lagen, für die man weit über den Corpus hinweggreifen muss: Selbst versierte Barockcellisten, die es unendlich lieben, ihr Instrument innig mit den Beinen zu fixieren, wünschen sich für solche Passagen einen stabilisierenden Stachel. Aber Felicitas Weissert meisterte das ohne sichtliche Schwierigkeiten. Ihr gegenüber hatte Ena Markert für exakte Grundierungen und Akzente zu sorgen – keine triviale Aufgabe, besonders in Hochgeschwindigkeits-Springbogenpassagen.

Redlich, neckisch, fesselnd

In der „Clavier-Übung“ von Vincent Lübeck bemühte Kadra Dreizehnter sich redlich, den sich jeweils aus Arpeggien-Schauern herausschälenden Themen einen emotionalen Sinn zu geben. In Telemanns Kanonischer Sonate Nr. 1, op. 5, TWV 40 zeigte Blockflötistin Sonja Radzun viele technische Finessen, während Marlene Crone auf der Barockvioline durch exakte Intonation und neckisches Spiel für sich einnahm. Mit sicherer Technik, reicher Agogik und fesselnder Bühnenpräsenz bestach Maria Carolina Pardo Reyes in drei Sätzen aus Bachs Erster Cellosuite. In der Sonata a 2 in c-Moll für Oboe und Fagott von Johann David Heinichen (1683-1729) überzeugten Christina Hahn (Fagott) und Ortrun Sommerweiß (Cembalo) durchweg mit klangschönen, tragfähig durchgestalteten Spannungsbögen. Oboist Alexandru Nicolescu wirkte so, als habe er sich vor allem auf das abschließende Allegro vorbereitet, das ihm dann auch technisch wie klanglich entsprechend gelang.

Reicher Nachklang

Der Abend beschloss Bachs Flötensonate in g-Moll, BWV 1034 als ein von der Blockflötistin Dongju Seo und Flóra Fábri am Cembalo geschliffenes Juwel. Ein Nachklang ihrer plastischen Phrasierungen, ihrer klangschönen organischen Sanglichkeit und ihrer musikantisch sprühenden Energetik begleitete durch den Rest der Nacht.

DORIS KÖSTERKE
19.07.2020

Haare gelassen: IEMA 19-20 auf Naxos

Haare gelassen

28. Naxos Hallenkonzert

Stipendiaten der IEMA 19-20

 

Live-Musik ist Schwerarbeit. Das Schwerindustrie-Ambiente im Theater Willy Praml in der ehemaligen Naxos-Halle bringt das trefflich zum Ausdruck. Seit Mai 2018 kuratieren Leonhard Dering und Steffen Ahrens die monatlich hier stattfindenden Naxos Hallenkonzerte. Deren jüngstes, das 28., wurde von den aktuellen Stipendiaten der Internationalen Ensemble Modern Akademie (IEMA 19-20) ausgerichtet. Für sie war es das erste Live-Konzert nach zehn von zwölf Monaten ihres Masterstudiengangs an der Frankfurter Musikhochschule. Eigentlich hatten sie, nach einer intensiven Vorbereitungsphase, ab April viele Konzerte im In-und Ausland geben sollen. Manche konnten zu digitalen Projekte umgewandelt werden. Aber was ist ein Livestream gegen die Nähe zu einem engagierten Publikum? Erfreulich viele Abenteuerlustige saßen über die luftige Halle verteilt und lauschten: Fünf Musiker in Seuchenschutzausrüstung schritten aus verschiedenen Ecken der Halle dem Platz unter dem Brückenkran zu, den ein riesiges Emaille-Schild stolz als 1908 bei Krupp in Buckau bei Magdeburg erbaut ausweist. Wie eine Rotte von fünf Sensenmännern tanzten sie über verschieden klingende Untergründe und schlugen mit ihren Stecken meist einen anderen Takt, als mit ihren Absätzen: Eine Aktualisierung des Pas de cinq (1965) von Mauricio Kagel.

Das gekonnte Absatzklappern der Hornistin Ya Chu Yang lenkte die Aufmerksamkeit auf eine Musikergruppe an der hinteren Längsseite der Halle. Die Zuhörer richteten ihren Stuhl oder Sitzkarton neu aus: indem die Stücke auf wechselnden Bühnen stattfanden, wurden die Umbaupausen quasi auf das Publikum delegiert. Outlines (2017) für Flöte, Klarinette, Horn und Live-Elektronik (Klangregie: Lucia Kilger) von Michelle Lou schuf eine dichte, nach innen zielende Atmosphäre mit vielen geräuschnahen und Mehrfachklängen. Die 1975 geborene Komponistin und Kontrabassistin untersucht die Möglichkeiten, wie eine musikalische Form auf ihren Inhalt zurückwirkt. Hier hätte ein genauerer verbaler Wegweiser in Form eines Programmtexts dem Hören ebenso gut getan, wie im folgenden „One Flat Thing, reproduced“ (2010) von Timothy McCormack (1984) für Geige, Oboe (energiereich: Tamon Yashima) und Schlagzeug (an Klangfarbenmelodien erinnernd: Noah Rosen). Timothy McCormack will mit seiner geräuschnahen Musik das physische Verhältnis zwischen einem Interpreten und seinem Instrument zum Ausdruck bringen. Nach der Aufführung hatte der Geigenbogen von Yezu Woo deutlich Haare gelassen.

Selbsterklärend hingegen war „Wege in eine Stimmung“ (2020) des 1989 in Amsterdam geborenen IEMA-Kompositions-Stipendiaten Corné Roos. Bei genauester Intonation schufen Flöte, Klarinette, Horn, Streichquintett (Kontrabass: Jakob Krupp) und Klavier (Tomoki Park) Töne, die im Zusammenklang leichte oder hohe Wellen schlagen, zu stacheligen Monstern anwachsen oder auch zu glatten Flächen ergänzen konnten.

In Vortex temporum von Gerard Grisey (1949-1998) war zu spüren, dass bereits mehrere Generationen von Interpreten einander den Weg gewiesen haben, wie man es realisieren könnte. An diesem Abend waren die „Wirbel der Zeiten“ so rund, wie sie sein müssen, ob im „normalen“ Zeitmaß, oder im gedehnten, in dem Obertonspektren zu Rhythmen werden, oder im extrem komprimierten, in dem man nur noch Farben hört. Großes Kompliment an den Pianisten Thibaut Surugue, an Lina Andonovska (Flöten von Piccolo bis Bassflöte), Leonel Quinta (Klarinette und Bassklarinette), Holly Workman (Violine), Nefeli Galani (Viola), Yi Zhou (Violoncello)! Für den Dirigenten Marc Hajjar auch dafür, dass er in besonders delikaten kammermusikalischen Abschnitten die Akteure ihrem eigenen Zeitgefühl überlassen hat.

DORIS KÖSTERKE