Bratscherin Francesca Venturi Ferriolo

„Ich will in Menschen etwas zum Klingen bringen, das vorher stumm war“, sagt Francesca Venturi Ferriolo. Sie lebt in Frankfurt, arbeitet als freischaffende Barock-Bratschistin, lehrt an der Musikschule in Hofheim und schreibt an ihrer Doktorarbeit über das Repertoire für Solo-Bratsche. Zurzeit fehlen ihr die Konzerte: „Es ist so schön, wenn nach einem Konzert jemand zu mir kommt und ganz glücklich sagt: ich habe geweint“.

Ein Gespräch mit Bratschistin Francesca Venturi Ferriolo

Geboren ist sie in Mailand, aufgewachsen in Rom. „Als Kind habe ich mit Geige angefangen. Aber als ich ungefähr neun Jahre alt war, hörte ich in der Musikschule einen Bratscher. Ich fragte ihn, ob ich sein Instrument einmal ausprobieren dürfte. Da hat mein ganzer Körper zusammen mit dem Nachklang vibriert. In diesem Moment habe ich entschieden, dass die Bratsche meine Stimme sein wird“.

Der Berufswunsch war damals noch weit weg. „Meine Eltern waren keine Musiker. Deshalb bin ich ganz normal aufgewachsen, habe viel Sport getrieben, viel getanzt, aber nur wenig geübt“, erzählt sie munter. „Und viele Bücher gelesen. Wenn ich meinen Vater etwas gefragt habe, hat er mir ein Buch gegeben und gesagt: lies erstmal. Später haben wir darüber gesprochen“.

Philosophin der Bratsche

Somit hatte die Tochter eines Philosophieprofessors ihr Philosophiestudium bereits als Kind begonnen. Als sie es an der Uni fortsetzte, bekam sie viel Anerkennung: „Von mir werde man noch hören, meinten sie nach einer Prüfung. Da sagte ich ganz spontan: Ja, aber als Bratscherin“.

Erst in diesem Moment hatte sie für sich die Weichen gestellt. In einem Alter, in dem andere schon ihre Wettbewerbs-Erfolge vor sich hertragen. „Da hatte ich viel aufzuholen und habe manchmal auch zuviel geübt. Aber ich habe es nie bereut. Wenn ich Bratsche spiele, spüre ich das Leben in mir. Die Philosophie bleibt natürlich immer dabei“.

Viola da braccia, nicht „da gamba“

Bekanntlich heißt die Bratsche auch Viola und im Übrigen so, weil man sie auf dem Arm hält, der auf Italienisch la braccia heißt. Dabei wäre es nicht nur für den Spieler gesünder, sie senkrecht wie eine nach dem italienischen Wort für Bein benannte Viola da Gamba zu halten, bei der allerdings der Körper nicht so schön mitvibriert: Die körperlichen Grenzen, die die Haltung auf dem Arm mit sich bringen, haben dem Instrument so große klangliche Kompromisse abgefordert, dass Spötter meinen, sie hieße so, weil sie „braaatsch“ macht.

Jede Bratsche ist anders

Im Gegensatz zu den weitgehend standardisierten Geigen und Celli hat jede Bratsche hat ihre eigenen Abmessungen und Klang-Eigenschaften. „Wie man damit umgehen soll, kann einem kein Lehrer sagen. Das muss man allein die Bratsche fragen“, sagt Venturi Ferriolo, der gerade das an ihrem Instrument gefällt. Von Petra Müllejans und Mechthild Karkow am Institut für Historische Interpretationspraxis (HIP) an der Frankfurter Musikhochschule bekam sie die entscheidenden Impulse in Richtung Barockmusik, in der Noten nur das Gerüst für eigene Improvisationen sind und jeder Ton seine eigene intime Sprache spricht.

Mehr als eine stumpfsinnige Füllstimme

Ihre Debut-CD dürfte die erste mit barocken Sonaten für Viola solo sein. Und auch die erste mit drei verschiedenen Tasten-Instrumenten zur Begleitung: Pianistin Hwa-Jeong Lee hat zu allen dreien ein so differenziertes Verhältnis, wie Francesca Venturi Ferriolo zu ihrer Bratsche. Dazu gibt Continuo-Cellist Johannes Berger sinnvolle Impulse. Der Titel, „More than a dull ripieno“, mehr als eine stumpfsinnige Füllstimme, ist ein Zitat von einem der darauf vertretenen Komponisten, William Flackton. Die CD zu hören macht Mut, mehr zu sein, als eine Füllstimme im Gefüge der Gesellschaft.

Doris Kösterke
25.3.2021

 

More Than A Dull Ripieno. Werke von J. G. Graun, C. Ph. E. Bach, Johann Gottlieb Janitsch, F. Giardini und W. Flackton. Francesca Venturi Ferriolo (Viola), Johannes Berger (Violoncello), Hwa-Jeong Lee (Hammerklaviere, Cembalo). Da Vinci Classics P&C 2020.

IEMA 20/21 zeigt Logik jenseits vom Mainstream

 

„Hier werden Musiker ausgebildet, die mit ihrer Musik etwas wollen“, sagt Ensemble-Modern-Fagottist Johannes Schwarz im kurzen Image-Film über die Internationale Ensemble Modern Akademie (IEMA). Die einjährige Ausbildung vermittelt ein breit gefächertes Handwerkszeug, „um als Künstler nicht nur zu überleben, sondern auch etwas zu bewegen“.

Was können Musiker bewegen? Sie können zeigen, dass mitunter auch jenseits des Gängigen eine zwingende Logik waltet. Das gelang den aktuellen IEMA-Stipendiaten im via Youtube erlebbaren ersten der drei Frühjahrskonzerte im Dachsaal der Deutschen Ensemble Akademie.

Die Klangwelt der Renaissance blinzelte durch „In Respondit – due madrigali di Gesualdo trascritti e ripensati“ von Luca Francesconi. Carlo Gesualdo (1566-1613) wollte seine musikalische Textausdeutung besonders expressiv gestalten und hat dafür in seinen Madrigalen zu Mitteln gegriffen, die zu seiner Zeit deutlich aus dem Rahmen des Konventionellen fielen. Dies hat Francesconi in seiner Komposition „per cinque strumenti con un trattamento ellettronico dello spazio (1997)” aufgegriffen und weitergetrieben. Die elektronische Raumklangbehandlung von Lukas Nowok wurde im parallelen Chat hoch gelobt. Flötist Jaume Darbra Fa, Oboistin Claire Colombo, Klarinettist Riccardo Acciarino, Bratscherin Flora Geißelbrecht und Cellist Yiyang Zhao gestalteten die klanglichen Stimmungen nach, den die Worte in der Musik hinterlassen haben. Felix Schauren dirigierte seine Mitstudenten und gab etwa klanglichen Schwebungen die nötige Zeit, um sich zu entfalten.

„Entscheidend ist die Beziehung zwischen den Elementen, nicht die Elemente selbst“, schrieb Luis Codera Puzo über sein Streichquartett „Kaolinite [Al2Si2O5(OH)4]“ (2012) „für Kontrabass, Violine, Viola und Cello”. Dem Kontrabass, ausstrahlungsreich gespielt von Zacharias Faßhauer, kam eine virtuos herausgehobene Rolle zu. Aber ohne das Zutun von Jae A Shin (Violine), Veronika Paleeva (hier Viola, sonst Violine) und Lucie Chollet (Violoncello) hätte sich die musikalische Logik zwischen den leisen geräuschnahen Gänsehaut-Klängen nicht vermitteln können.

Cellistin Lucie Chollet, Kontrabassist Zacharias Faßhauer und Pianistin Kathrin Isabelle Klein machten „Alamari“ (1983) von Franco Donatoni zum spannenden Erlebnis. Zwölf Jahre später entstanden sprach Donatonis „Triplum“ (1995) in virtuosen Läufen, Trillern und Pointilismen eine deutlich andere Sprache, „Trauben“ von Enno Poppe und das spürbar von der freien Improvisation geprägte “Khasma“ (2001) von Richard Barrett eine wieder andere.

Der gesellschaftliche Nutzen? Der Mainstream schafft große ökologische und soziale Probleme. Die IEMA sensibilisiert dafür, dass es auch anders geht.

DORIS KÖSTERKE
30.03.2021

FAKE (REAL) BOOK im Frankfurt LAB

 

FRANKFURT. „Kommt rein! Sucht euch einen Platz!“ animierte das Wesen im bunten Tutu. Die Gekommenen reagierten überwiegend ratlos: Dicke schwarze Vorhänge durchzogen die große Halle im Frankfurt LAB. Hier und da platzierte Gegenstände verhießen eine spätere Aktion. Doch ein Überblick über das Ganze war durch die Vorhänge verwehrt, die aufgestellten Stühle erschienen ausnahmslos als Plätze mit Sichtbehinderung.

Fake News und „Wahrheit“

Über Assoziationen des Titels „FAKE (REAL) BOOK“ mit Fake News und „Wahrheit“ fühlte man sich wie einer der legendären Blinden, die einen Elefanten betasten und dabei je nach Standpunkt, am Stoßzahn, am Schwanz, am Rüssel, an einem Bein, am Ohr oder unterm Bauch, auf durchaus wahrhaftigem Wege zu unvereinbar verschiedenen Aussagen darüber gelangen, wie ein Elefant sei.

Dabei war „The Alvin Curran Fakebook“, auf dem diese Gemeinschaftsproduktion von Ensemble Modern und Hessischer Theaterakademie, dem Regisseur Paul Norman und dem ehemaligen Ensemble-Modern-Trompeter Valentín Garvie fußte, nicht als erkenntnistheoretischer Diskurs geplant: Nach dem Vorbild der „Fakebooks“, in denen traditionelle Jazzer die Melodien und Harmonien für ihre Improvisationen skizzieren, hat der amerikanische Komponist Alvin Curran Texte, Bilder und Melodien aus seinem Leben festgehalten. Die Melodien waren teils selbst komponiert, teils, wie sein „Amazing Cage“, lose vom Broadway adaptiert. In jedem Falle jedoch explizit zur Verfügung gestellt, damit kreative Andere etwas draus machen: Sein Fakebook stehe „abenteuerlustigen Musikern, ob gebildet oder ungebildet, Klangkünstlern, Wissenschaftlern, Kompositions- und Improvisationslehrern, Amateuren, Avantgardisten im Endstadium, Bloggern, Straßenmusikern, Buchliebhabern oder jedem, der sich für meine Arbeit und die Entwicklung der Kunst-Musik in unserer Zeit interessiert, zur Verfügung; es soll genossen und benutzt werden“, schrieb der 1938 geborene Komponist dazu.

In der musikalisch von Valentín Garvie motivierten Realisierung nahm man zunächst wahr, dass Ensemble-Modern-Musiker auch groovend improvisieren können und Schauspieler durchtrainierte Menschen sind: Man staunte etwa über ein ausdauernd Trampolin springendes Wesen, das dem Abend seinen Puls gab, über einen Sprint auf High-Heels oder eine perfekt optimierte Seilspringtechnik. Der interdisziplinäre Ansatz der Hessischen Theaterakademie bewies sich im sängerischen Durchhalten von Dissonanzen in der Cluster-Mixtur einer choralähnlichen Melodie. Das „urdemokratische“ der Akademie, das Philipp Schulte in seiner Begrüßung hervorhob, zeigte sich auch in genderfluiden Kostümen: als Männer „Gelesene“ trugen oft Abendkleid oder Ballettkostüm über der Jogginghose.

Alvin Curran hat seinen musikalischen Vorlagen auch unverbindliche Spielregeln mitgegeben. Im späteren Verlauf der Aufführung erlebte man mittlerweile vertraut gewordene Weisen etwa in den Variationen „rückwärts“, in der die Musiker klangen wie ein gespieltes Tonband. Oder „Duett“, in dem die Erwartungshaltungen erfrischend irregeleitet wurden, wer wohl gerade mit wem zusammenwirkte. Oder „Tauschen“, in dem eine der Schauspielerinnen zeigte, dass sie auch Cello spielen kann, während Schlagzeuger David Haller sich wohl auch ein wenig absichtlich mit dem Springseil in seinem Tutu zu verheddern schien.

Insgesamt spiegelte der Abend Alvin Curran, der sein Künstlersein von je her emphatisch mit Anderssein und Rebellion verknüpft hat. Und zugleich einmal bekannte, leidenschaftlich gern zusammen mit seiner Frau vierhändig am Klavier Mozart zu spielen.

DORIS KÖSTERKE
12.6.2021

Auferstehung der Lautten Compagney Berlin

 

FRANKFURT. Viele Musiker haben sich im Corona-Lockdown wie lebendig begraben gefühlt. Ihre „Auferstehung“ sollte auch bei den Frankfurter Bachkonzerten gefeiert werden. Dafür wollte Wolfgang Katschner den Weg aus dem Dunkel ans Licht mit Werken von Bach nachzeichnen, aber zur Sommerzeit nicht etwa mit dessen Osterkantaten. Also machte er etwas, was Johann Sebastian Bach auch häufig selbst getan hat: er „recycelte“ bestehende Kompositionen und stellte aus den mehr als zweihundert Kantaten von Johann Sebastian Bach zwei neue zusammen. Die hat er jüngst mit seiner Lautten Compagney Berlin, dem Gesangsensemble Capella Angelica und der Sopranistin Dorothee Mields im Großen Saal der Alten Oper aufgeführt.

Beide Pasticcio-Kantaten waren ein jeweils achtteiliger Wechsel zwischen kammermusikalischen Besetzungen und solchen mit Streichern, Holzbläsern, Pauken und Trompeten. Die erste dieser Konglomerate aus Rezitativen und Arien war „Mein Herze gläubt und liebt“ überschrieben, nach der eingebauten Arie aus der Kantate 75. Zur Einleitung erklang der langsame Zweite Satz aus dem ersten der Brandenburgischen Konzerte. Leider degradierte die Größe des Raumes die Lauten zur Rhythmusgruppe. In anfänglichen, bald aufgefangenen Koordinationsschwierigkeiten und im allgemein eher angestrengt wirkenden Gestus meinte man den Musikern die Nachwirkungen der langen Einzelhaft-Situation in der Übezelle anzumerken. Dennoch ließen sie die lokomotivenstarke Energetik unter der elegischen Oberfläche spüren. Das folgende Rezitativ „Mein Gott, wie lang, ach lange“ aus der gleichnamigen Kantate 155 ist ein Beispiel, wie tief vertraut Bach mit dem Leiden eines Menschen war, der an seinem Kranksein verzweifelt. Dorothee Mields gelang die ideale Balance zwischen dem Einfühlen und Ausgestalten und zugleich dem Überformen der Verzweiflung in musikalischer Schönheit. Dass man in Bachs Musik immer beides spürt, die Schattenseiten und die Kraft, die darüber hinwegträgt, bleibt auch dann ein Faszinosum, wenn man die pietistischen Texte als schwer verdaulich überhört.

Dramaturgie mit langer Nachwirkung

Seine erste Kantate ließ Katschner mit dem Choral „Singet dem Herrn ein neues Lied“ (aus BWV 190) ausklingen. Die vier Gesangssolisten der Capella Angelica ersetzten den Chor, die letzte Strophe sang Dorothee Mields allein: Rückzug in eine schlichte, aufrichtige Religiosität, mit dem Bach wohl jedes seiner großen Werke beschließt. Nach der Zweiten Kantate „Ein neues Lied wir heben an“ wurde die Demutsgeste in der Zugabe noch einmal aufgegriffen und gesteigert: der gleiche Choral ohne Pauken und Trompeten, über zartester Streicherbegleitung. Aus dieser Dramaturgie gewann der Abend seine lange und intensive Nachwirkung.

DORIS KÖSTERKE
20.6.2021

Händelfest des „Le Concert Spirituel“

Der Beifall brandete überaus üppig durch die Basilika von Kloster Eberbach für die Musiker des Ensembles Le Concert Spirituel, Gäste des Rheingau Musik Festivals. „Händelfest“ hieß das keine Überraschung verheißende Programm: Auf die drei Suiten von Händels „Wassermusik“ folgte die Arie „Ombra mai fu“.

Geistreich, witzig, erbaulich

Weil auflagenbedingt niemand öffentlich singen darf, spielte Héloïse Gaillard die ursprünglich für einen Kastraten geschriebene Sopranstimme auf der Oboe, „geistreich, witzig, erbaulich“, wie man „Spirituel“ auch übersetzen kann.

Le Concert Spirituel

Der Name des Ensembles verweist auf die Einrichtung, die von 1725 bis 1791 auf trickreiche Weise ein bürgerliches Konzertleben in Paris etablierte: Eigentlich lag das Monopol für öffentliche Musikdarbietungen derzeit bei der königlichen Musikakademie. Doch die pausierte an den immerhin rund dreißig katholischen Feiertagen im Jahr. Da ertrotzten sich Musiker die Erlaubnis, an ebendiesen Feiertagen zu spielen – mit dermaßen viel Erfolg, dass die königliche Akademie sich die Reihe schließlich einverleibte.

Notentext gegen den Strich gebürstet

„Geistreich, witzig, erbaulich“ ist die Herangehensweise von Hervé Niquet, dem Leiter und Gründer des Ensembles: er scheint den Notentext so lange gegen den Strich zu bürsten, bis er einen erfrischenden Gehalt darin gefunden hat, etwa den witzigen Bewegungsimpuls eines Fantasiewesens. Seine Musiker sind für seine Ideen dermaßen empfänglich, dass er sie machen lassen kann. Bei der Aufführung braucht er keine großen Gesten. Bisweilen hält er die Hände still am Kinn, wie beim Nachdenken, bisweilen tanzt er mit dem Gesicht zum Publikum zur Musik seiner Mitstreiter und agiert als ihr vertrautester Fan: „Bravo!“ ruft er nach dem offensichtlich improvisierten Schlagwerk-Part mit Schellenkranz zum Abschluss der „Wassermusik“ seiner Schlagzeugerin Isabelle Cornélis zu. Das 24-köpfige Ensemble wirkt wie ein vor Lebendigkeit sprühendes Gegenbeispiel zum absolutistisch regierten Orchester-Apparat.

Dabei kämpfte das Ensemble spürbar mit der Akustik, in der die Musiker einander bestenfalls schlecht hören. Im vorderen Rund saßen die scharf konturierenden Oboen und Fagotti. Bei klanglicher Motivation griffen ihre Spieler auch zu Blockflöten oder zum Blechblasinstrument Serpent. Hinter ihnen standen die eher weichzeichnenden Streicher, im Hintergrund die jeweils ventillosen Trompeten und Hörner. Hornspieler bezeichnen ihr Instrument als göttliches, weil Gott allein weiß, was rauskommt, wenn man reinbläst. Dass man an diesem Abend spürte, dass Musik eine höchst anspruchsvolle Kunst ist, in der auch mal was schiefgehen kann, war völlig in Ordnung. Zumal das Gesamterlebnis in hohem Maße überzeugte. Erhebender Rausschmeißer war Händels „Feuerwerksmusik“. Die Musiker von Le Concert Spirituel zeigten, wie ungeahnt gut diese strapazierte Musik tatsächlich ist.

DORIS KÖSTERKE
1.7.2021

Dreißig Jahre Bad Sodener Musikstiftung

BAD SODEN / DARMSTADT-EBERSTADT. Musik ist seine Leidenschaft. Im Hauptberuf arbeitet der 1941 in Frankfurt geborene Jürgen Frei, der an der Hochschule für Welthandel in Wien promoviert hat, noch immer als Steuerberater, Wirtschaftsprüfer, Italienisch-Dolmetscher und im Vorstand der Darmstädter Dotter-Stiftung. Die Energie zu diesem Pensum schöpft er aus der Musik, besonders dem Bratschenspiel. Und aus Begegnungen mit Menschen, die im gemeinsamen Musizieren zusammenfinden. An diesem Freudenquell möchte er möglichst viele andere Menschen teilhaben lassen, unabhängig von deren Herkunft und Einkommen. Deshalb hat er zu seinem fünfzigsten Geburtstag die Bad Sodener Musikstiftung gegründet. Die Feier zum dreißigjährigen Bestehen soll 2022 nachgeholt werden.

Frühkindliches Singen

Über seine Stiftung möchte er vor allem das Musizieren von Laien fördern. „Wer selbst musiziert, hat einen ungleich intensiveren Zugang zur Musik als jemand, der nur zuhört“, betont Frei. Den Schlüssel sieht er im frühkindlichen Singen. Doch immer weniger Eltern singen noch mit ihren Kindern und auch in Kindertagesstätten und Schulen dominieren Lautsprecher die Musik. Deshalb setzt seine Stiftung beim Singen in Kindergärten an, um nach dem „Fahrstuhlprinzip“ alle Altersgruppen bis zum Seniorenmusizieren zu stärken.

Ein Foto auf der Website der Stiftung zeigt eine Gruppe von Waldkindergartenkindern, die mitten im Schnee zusammensitzen und singen. Die Ideen zu solchen Projekten stammen nicht zuletzt von Freis Frau Sabine Schaan. Die ausgebildete Opernsängerin ist Vorstandsmitglied und Künstlerische Leiterin der Stiftung.

Ihre eigene musikalische Prägung erhielt sie von ihrer Großmutter, die mit ihrer schönen Altstimme zu jeder Melodie eine zweite Stimme improvisieren konnte. „Dann war der Kinderchor bei uns im Dorf für mich das Größte“, erzählt sie. Später hat sie an St. Cecilia in Rom Gesang studiert. Und immer wieder an sich und anderen erfahren, was es heißt, sich „etwas von der Seele zu musizieren“: Emotionen von Liebe und Freude, aber auch von Trauer und Wut. „Früher habe ich Gitarre unterrichtet“, erzählt sie. „Irgendwann kamen alle Jugendlichen in das Alter, in dem Schule keinen Spaß mehr macht. Aber mit Musikstücken, die ihnen aus der Seele sprachen, haben sie sich beschäftigt und gemerkt: Allein das Dranbleiben lohnt sich ja! Diese Erfahrung haben sie auf die Schule übertragen. Und so wurden auch die Schulnoten wieder besser“.

Vom Bad Sodener Kinderchor Junge Kantorei erzählt sie: „Ihr Chorleiter Tobias Landsiedel war überrascht, wie gut die Kinder im Corona-Lockdown die Online-Proben annahmen. Sie übten sogar eifriger als sonst“. Für Sabine Schaan ist klar: „Die Kinder haben im Singen ihre Einsamkeit überwunden“.

Lust an der Musik vermitteln

Die Stiftung möchte auch Kinder in sozialen Brennpunkten erreichen. Weniger, um besondere Talente zu fördern. „Ich will Lust an der Musik vermitteln“, sagt Frei, auch über die Grenzen der eigenen Stiftung hinaus. In Zusammenarbeit mit der Dotter-Stiftung, für die Frei ebenfalls arbeitet, konnten Schaan und Frei an einer Grundschule in Darmstadt-Eberstadt mit sehr hohem Migranten-Anteil das „MoSi“, das Montagssingen, einführen: Am Montagmorgen treffen sich Schüler und Lehrer für zwanzig Minuten zum gemeinsamen Singen. „Die Kinder blühen auf“, freut sich Sabine Schaan. „Auch die Lehrer sind begeistert: früher hatten sie montags große Mühe, die Kinder zu fokussieren. Nach dem MoSi sind sie locker, fröhlich und aufnahmefähig“.

Zuhören

„Miteinander musizieren heißt, den anderen zuhören“, sagt Jürgen Frei. „Das Zuhören fehlt oft in unserer Gesellschaft, ist aber der Schlüssel für ein gutes Miteinander“. Für beides müsse man sich „Zeit geben, in seinem Leben eine Struktur schaffen“. Das ist der Erfolg, den Frei sich erhofft.

Ein aktuelles Projekt der Stiftung ist der Corona-Fonds: Dank erfreulich hoher Spenden kann die Stiftung drei Corona-Konzerte veranstalten. Die dazu eingeladenen Musiker haben die Hälfte ihres Honorars vorab erhalten, um ihnen über die Zeit hinwegzuhelfen, in der ihre Einnahmen aus Konzerten komplett wegfallen: Ohne Hilfe kommen sie neben vielfältigen Jobs nicht zum notwendigen Üben. Sabine Schaan und Jürgen Frei hoffen auf ein erstes Konzert, „Grüße aus Lateinamerika“, am 27.Juni 2021 in St. Katharina, voller „Lust an der Freude“.

DORIS KÖSTERKE
31.05.2021

Verflechtungen – Neue Musik und Musikerziehung

DARMSTADT. „Will Kunst die Welt verschönern oder auch Stellung beziehen?“, fragte der Philosoph Christian Grüny in seinem Vortrag „Musik – Sprache – Propaganda“ auf der jüngsten, der 74. Frühjahrstagung des Instituts für Neue Musik und Musikerziehung (INMM).

Das in Darmstadt beheimatete, 1948 gegründete Institut zielt auf eine breite interessierte Öffentlichkeit. In diesem Jahr fand die viertägige Tagung notgedrungen per ZOOM statt und erreichte dabei ungewöhnlich viele Teilnehmer. Deren Zahl dürfte im Nachhinein noch wachsen. Denn die auf Youtube gestreamten Konzerte bleiben ebenso abrufbar, wie für diese Tagung entstandene Texte.

Das diesjährige Motto, Verflechtungen, spiegelte die Tradition der Tagung, aktuelle Erscheinungen der Neuen Musik in Relation zu anderen Ausdrucksweisen zu stellen. Auch zu musikfremden Fragern der Gegenwart, wie Christian Grüny.

Er zeigte das Plakat „And babies” (1969), mit dem Künstler der New Yorker Art Workers Coalition (AWC) gegen den Vietnamkrieg protestiert hatten. Er erinnerte an Adornos Idee, Musik könne allenfalls ihrer Form nach politisch sein, durch ein Brechen mit Traditionen und Komplexität. Doch, fragte Grüny, sei es nicht an der Zeit, diese Komplexität aufzukündigen? Zugänglicher zu werden? Um politische Inhalte lesbar zu machen? Neue Musik sollte keineswegs zur Propaganda werden. Aber „Aufklärung betreiben“ sei ein lohnendes Ziel.

Dass Musik nicht notwendig an Sprache oder Bühnenaktion geknüpft werden muss, um verständlich zu sein, zeigte Theda Weber-Lucks in ihrem Vortrag „Vokale Performancekunst als universelle Sprache“. Ihre auch neurowissenschaftlich untermauerte These: Non-verbale, von keiner Syntax abhängige stimmliche Äußerungen, wie etwa Meredith Monk sie einsetzt, sind für Menschen aller Kulturen unmittelbar verständlich.

Im Konzert der Sopranistin Sarah Maria Sun mit Jan Philip Schulze (Klavier) und Kilian Herold (Klarinette) wurden drei Kompositionen uraufgeführt, die das INMM mit Hilfe der Ernst von Siemens Musikstiftung in Auftrag gegeben hatte: In „Hyperions Schicksalslied“ reflektiert Rolf Riehm (*1937) den Hölderlin-Text in einer unkonventionellen Stimm-und Körpersprache und einer pianistischen Cluster-Technik, die bei suboptimalen häuslichen Lautsprechern primär als Virtuosität der Ellenbogen wahrzunehmen war. Der 1986 in Ottawa geborene Thierry Tidrow widmete sich in „Der Sturm“ und „Die Flamme“ dem schwarzen Humor der gleichnamigen Texte von Christian Morgenstern, indem er Singstimme, Klarinette und Klavier zu einem klangmalenden Ganzen verschmelzen ließ.

Vorbehaltloser Einsatz von Sarah Maria Sun

Musik ist immer ein Gemeinschaftswerk: Sie will auch gehört werden. Und ohne Interpreten ist sie nicht wahrnehmbar. Sarah Maria Sun hat in einem Text für diese Tagung beschrieben, wie vorbehaltlos sie sich als ganzer Mensch am Notentext reibt, um ihn für sich und andere erschließen zu können. Die Tagung zeigte, dass „Werke“ auch der Synergie-Effekt eines Kollektivs sein können: Vor allem in der freien Szene begegnen sich Künstler auf Augenhöhe, befruchten einander mit ihren Ideen und ihrer Kritik.

Laborversuch mit Modellcharakter

In seinem Text „Die langwierige Methode des Ausdiskutierens“ erinnert der 1993 geborene Komponist Ole Hübner an den „Zwischenruf“ des Dramaturgen Björn Bicker im ersten Lockdown: Macht die Theater zu – um sie als Labore mit gesellschaftlicher Relevanz neu zu erfinden. Die Zusammenarbeit hinter der Bühne sieht Hübner als einen solchen Laborversuch mit Modellcharakter: „Kollaborative Musiktheaterarbeit ist kommunikative Arbeit“, bei der „man miteinander sprechen und, vor allem, zuhören muss“.

DORIS KÖSTERKE
10.4.2021

 

Poster „And Babies“ cf. https://en.wikipedia.org/wiki/And_babies

https://www.br.de/kultur/bjoern-bicker-theater-der-zukunft-100.html

Ensemblefassung von Xerrox 4 von Alva Noto

FRANKFURT, DRESDEN. „Orthodoxes Verhalten engt letztlich ein“, findet der 1965 in Chemnitz geborene bildende Künstler Carsten Nicolai. Beim Zeichnen mit elektronischen Klängen nennt er sich Alva Noto. Das Ensemble Modern arbeitet, um sich durch kein orthodoxes Verhalten einzuschränken, immer wieder mit Künstlern von außerhalb der klassischen Musik zusammen. Frank Zappa ist das bekannteste, Alva Noto das jüngste Beispiel. Dafür hat es nach einer Partitur von Max Knoth die elektronischen Klänge von Alva Notos „Xerrox 4“ in instrumentale übersetzt. Die Uraufführung dieser Fassung wurde im Frankfurt LAB realisiert und im Synergie-Effekt der Festivals „Frankfurter Positionen 2021“ und „TONLAGEN – Dresdner Tage der zeitgenössischen Musik“ gestreamt.

Indem die Kameraführung immer wieder einzelne der hoch konzentrierten Musiker in den Fokus setzte, beschnitt sie notgedrungen die wohl auf ein ganzheitliches Erlebnis gerichteten Video-Projektionen und Lichteffekte. Alva Noto hat bei der Aufführung auch mitgewirkt. Was er von seinem elektronischen Pult alles steuerte, wurde nicht klar.

Der Name Xerrox 4

Der Name Xerrox 4 spielt einerseits auf das Vervielfältigungsverfahren der Xerografie an, hergeleitet aus ξηρός, trocken und γραφή, Schrift. Das doppelte R steht für „Error“. Kompositionstechnisch handelt es sich um einen Kopiervorgang mit eingebauten Fehlern, traditionell bezeichnet als entwickelnde Variation.

Zusammen mit einem Programmierer habe er „eine Software entwickelt, die einen Kopiervorgang ausführt mit einer ganz leichten Verschiebung der Auflösungszahl“, sagt Alva Noto im Interview mit Stefan Schickhaus. Es ist im Programmtext abgedruckt und diente hier als Steinbruch für Informationen und Zitate. „Eine CD zum Beispiel wird gesampelt mit einer Frequenz von 44,1 kHz und 16 Bit. Wenn man diese beiden Einstellungen leicht manipuliert, werden Informationen weggenommen“, sagt Noto. „Der Algorithmus denkt sich nun etwas aus, um die Lücken zu füllen. Und wird in gewisser Weise kreativ“. Mit ein wenig Übertreibung könnte man von künstlicher Intelligenz sprechen.

Im Fluss künstlicher Intelligenz

Der Reiz dieser Musik ist dem der Minimal Musik verwandt: Man kann sich dem runde 120 Minuten füllenden Fluss wie einem psychedelischen Rausch hingeben. Man kann auch versuchen, die erkannten Muster zur eigenen Orientierung zu charakterisieren. Aber bevor das gelingt, haben sie sich schon wieder verändert. Im Material klingen Klischees wie bebende Streicher-Vibrati, stummfilmdramatische Klavierdonner oder sphärisch gegeigte Vibraphonstäbe an. Doch auch sie verflüchtigen sich, kurz bevor sie auf die Nerven gehen. Gleiches gilt für einige Melodien. Die hatte Alva Noto früher vermieden. „Es ging ja um eine Negation dessen, was klassischerweise Musik ausmacht“, sagt er. Aber: „Orthodoxes Verhalten engt letztlich ein“.

DORIS KÖSTERKE
17.4.2021

 

Zum Vergleich: Eine Elektronik-Fassung auf YouTube von Mikoto Urabe: https://www.last.fm/music/Alva+Noto/Xerrox,+Volume+4/+images/c1b602fbbc6b992fe3ec2481d5761b22.

Neue Musik Nacht 3.0 „so fern so nah“

 

FRANKFURT. Beständig wechselnde Corona-Regeln formulierten den kreativer Auftrag: Die Neue Musik Nacht 3.0 an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK) sollte auch in diesem Jahr stattfinden. Glücklich entdeckten die Macher eine interaktive Online-Plattform, auf der sich die Livestreams der Konzerte mit Online-Spielen und Zoom-Treffen, auch der Besucher untereinander, kombinieren ließen. Unter dem Motto „so fern so nah“ knackte die digitale Variante die Marke von fünfhundert Besuchern.

Die bewährte Kombination aus spielerischen Elementen, Geselligkeit und Kulinarik neben mehreren parallelen Konzerten und Performances in verschiedenen Räumen der HfMDK wurde beibehalten. Maibowle nach vorab veröffentlichten Rezepten diente als flüssiges Bindemittel zwischen den Künstlern, ihrem Publikum und den Zuschauern untereinander. Ein Anblick der traditionellen Torte gelangte als Online-Puzzle in die Haushalte der Gäste.

Bei mindestens drei parallelen Aufführungen folgte die Auswahl der hier besprochenen oft dem Zufall. Das breit gefächerte Angebot band auch das Institut für historische Interpretationspraxis (HIP) mit ein: „Die Studierenden fragen mich immer wieder, ob sie nicht auch mal mit einem noch lebenden Komponisten zusammenarbeiten können“, erzählte die Programmleiterin und Geschäftsführerin des Instituts für zeitgenössische Musik (IzM) an der HfMDK, Dr. Karin Dietrich. So erklangen im Kleinen Saal der Musikhochschule zeitgenössische Kompositionen für Cembalo oder Blockflöte. In einem selbstkomponierten Stück von Blockflötistin Hanna Volgmann staunte man, dass alle Klänge aus der Altblockflöte stammten, ohne elektronische Zutaten.

Im neu eingerichteten AV-Studio der Hochschule stellten sich Jungstudenten der Young Academie vor. Geigerin Anne Sophie Luong und Pianist Linus Reul (geboren 2004 und 2005), beide bereits bei internationalen Wettbewerben erfolgreich, spielten die ersten beiden Sätze aus der Ersten Violinsonate von Alfred Schnittke. Am Anfang, erzählte Anne Sophie Luong, fanden sie das Stück „völlig chaotisch“. Aber nach und nach tasteten sie sich an die Musiksprache heran. Mittlerweile klingt der erste Satz emotional verständlich und der zweite Satz sprüht vor Jazz-typischer Energetik.

Im fliegenden Wechsel zwischen gesprochener Sprache, Geräuschen und Belcanto ließ Katharina Blattmann in „Récitation Nr. 8“ von Georges Aperghis die Logik der Komposition einleuchten.

Das Malbec Klavierquartett (Carolin Grün, Violine – Maria del Mar Mendivil, Viola – Dominik Manz, Cello und Anna Stepanova, Klavier) ließ in „The Water of Lethe“ von Toshio Hosokawa den Klang sehr allmählich über die Hörschwelle gleiten und wieder verschwinden. Auch über dramatische Strecken hinweg bewahrte das Quartett eine hart erarbeitete Ruhe. Im ersten Satz von „Lalavi“ von Farzia Fallah, gespielt von Selma Spahiu (Violine), José Batista Junior (Viola) und Clara Franz (Cello), schien die reiche, irisierende Klanglichkeit persischer Musik auf. In der „Glosse“ für Streichquartett von Luciano Berio vermittelt das Merian Quartett (Katharina Schmitze und Henning Ernst, Violinen – Belén Barbera, Viola und Lara Jacobi, Cello) den Klangreiz etwa eines um die Greifhand kreisenden Pizzicatos.

Der Flügel, ein Boot

Drei „Action concert pieces“ von Lucia Ronchetti, der diesjährigen Stiftungsgastprofessorin der Hochschule, forderten die Musiker in besonderem Maße auch szenisch unter der Regie von Nelly Danker. In „Lascia ch’io pianga“ stellte der Flügel ein Boot dar, das auf dem von Pianistin Elvira Streva farbenreich ausgestalteten Mittelmeer treibt. In diesem Flügel liegend vexierte Sopranistin Roqi Sun zwischen schwerelos blühender Höhe und hochdramatischem Ausdruck. In „Ravel Unravel“ gestalteten Elvira Streva und Cellistin Leonie Mayer vorbehaltlos expressiv den Machtkampf zwischen dem Komponisten und seinem Interpreten. In „William Wilson“ nach einem Text von Edgar Allan Poe brillierte der aktuelle IEMA-Stipendiat Zacharias Faßhauer. Neben virtuosem Kontrabass-Spiel führte er seine Stimme souverän durch das gutturale Flüstern, das Edgar Allen Poe dem Doppelgänger von William Wilson zuschreibt und bühnenwirksam markiges Donnern zu einem theatralischen Erlebnis.

DORIS KÖSTERKE
30.4.2021

„Klassik-Band“ Spark als Gast der Klosterkonzerte

 

FRANKFURT. Als Gast der „Klosterkonzerte“ zeigte das Ensemble Spark in seinem Programm „Be Baroque“, was gute Musik ist. Die fünf Musiker hatten sich 2007 zur „Klassik-Band“ Spark zusammengeschlossen, um Meisterwerke der Musikgeschichte so zu vermitteln, dass sie zünden, wie Rockmusik. Ohne Elektronik, ohne Showeffekte. Nur mit Blockflöten, Geige, Cello und Klavier. Vier Jahre später wurden sie mit dem ECHO Klassik ausgezeichnet.

Bei ihrem Konzert im Karmeliterkloster begeisterten sie trotz erschwerter Bedingungen: Indem das Publikum ausgeschlossen blieb, fehlten nicht nur die „Dämpfer“ gegen die Überakustik im Refektorium. Ihr Musizierstil ist auf Blickkontakte mit dem Publikum ausgelegt, die beim Aufschaukeln von musikalischen Energien wie Katalysatoren wirken: Die Blockflötisten Andrea Ritter und Daniel Koschitzki und die Streicher Stefan Balazsovics (Geige) und Victor Plumettaz (Cello) spielen auswendig. Nur Pianist Christian Fritz hat Blätter vor sich, die eher Improvisations-Skizzen als Noten ähneln. Flötisten und Geiger agierten im Stehen. Das erfordert und steigert eine uneingeschränkte Präsenz und Vitalität.

Gute Musik braucht diese Präsenz und Energetik, aber auch hochwertige Substanz nebst ebenso hochwertiger „Rückverdünnung“: den Spielern muss durch und durch klar sein, was sie spielen und mit welchen Mitteln sie die Wiederbelebung durch die Interpretation vornehmen. Da machen es die Spark-Mitglieder wie Johann Sebastian Bach, der sich fremde Werke zu eigen machte, indem er sie bearbeitete. Noch heute empfehlen manche Kompositionslehrer das Abschreiben von Werken als erbarmungslos gründliche Methode, sich bei jeder Note zu fragen: warum hat der Komponist das so und nicht anders gemacht? Im Bearbeiten fremder Werke geht diese intensive Form der Aneignung noch einen Schritt weiter. Bach nahm ein Konzert von Vivaldi für vier Violinen und Cello (RV 580) und machte daraus sein Konzert in a-Moll BWV 1065 für vier Cembali. Wie Konzertveranstalter Thomas Rainer im parallelen Chat genau kommentierte, schöpften die beiden Spark-Blockflötisten Andrea Ritter und Daniel Koschitzki ihr Arrangement aus beiden Werken zugleich. Den Finalsatz vermittelte das Ensemble so perlend und blubbernd wie sprudelndes Wasser. Wie der Stuttgarter Komponist Sebastian Bartmann, von dem sie etwa „d minor“ spielten, erweitern auch sie das barocke Notengerüst mit Techniken der Minimal Musik, übertragen Techniken der elektronischen Musik wie Loops oder Arpeggiatoren auf akustische Instrumente zurück und lassen sich von Luciano Berio inspirieren. Hinzu kommen instrumentale Raffinessen, die etwa der Geigenkunst von Sinti und Roma entstammen. Und Songs der Beatles: In seinem Projekt „Beatles go Baroque” hatte Peter Breiner sie zu Concerti grossi im Bach-Stil verarbeitet. Aus ihnen spielte Spark „Michelle“ und „Help“. „Help“ auch mit der programmatischen Absicht, der von Corona-Maßnahmen gebeulten Musik zu helfen: Auch die Konzertagentur Allegra, die nicht nur etablierte Ensembles wie Spark einlädt, sondern ganz besonders auch jungen, noch unbekannten Künstlern Bühnenerfahrung ermöglicht, bangt um ihre Existenz. Auch, wenn sich aktuell über die Crowdfunding-Plattform „kulturMut“ noch genügend Unterstützer zusammengefunden haben, um wenigstens diese Konzertsaison noch zu ermöglichen.

DORIS KÖSTERKE
17.5.2021

weitere, ebenfalls durch Crowdfunding ermöglichte Konzerte am 27.06., 11.7. und 3.10.2021, jeweils um 17 Uhr.