Reibungen zwischen Kunst und Musik

Wandelkonzert im Städel

Zum Erzeugen von Reibungsenergie zwischen Kunst und Musik hatte das Städel Museum einmal wieder seine Pforten für ein Wandelkonzert geöffnet, das von Mitgliedern des hr-Sinfonieorchesters bestritten wurde. Fast zwanzig teils parallele, teils sich überschneidende Musikaufführungen vor ausgesuchten Bildern luden dazu ein, innere Spannungsfelder aufzubauen.

Eingeschlossen von der Plastik „Zweifinger“ von Antonius Höckelmann und den Gemälden „Rotklang“ von Ernst Wilhelm Nay und „Die Orgel“ von Fritz Winter fand die Uraufführung eines Trios von Raphael Lins statt. Er studiert noch Komposition: im österreichischen Feldkirch, bei Herbert Willi („Schlafes Bruder“). Die Musiker hatten sich den Platz nicht ausgesucht und doch stellte man Verbindungen her: es schien, als arbeiteten alle vier Werke mit vertrauten Momenten, die in angeschrägter Form in neue Kontexte gestellt werden. Handwerklich aufwendig gearbeitet wechselte das fünfsätzige Werk für die ungewöhnliche Formation aus Horn (Mark Gruber) Trompete (Jürgen Ellensohn) und Posaune (Norwin Hahn) zwischen komplexen Strukturen, die jedem Instrument einen eigenen Weg zuwiesen mit Zeitstrecken klanglichen Verschmelzens und Sprechgesang-ähnliche Sätze mit einem so dramatischen Verlauf im letzten Satz, dass man nicht mehr an die Bilder dachte.

Verschiedene Kulturen des Hörens und Zuhörens zeigten sich, als Prokofjews lebhaftes Quintett op. 39 manchen Besucher zu noch lautstärkeren verbalen Selbstdarstellungen stimulierte. Dem gegenüber schuf ein leise aus entfernten Winkeln zusammenwirkendes Streichquartett aus Violine (Sha Katsouris), zwei Violen (Hovhannes Mokatsian Peter Zelienka) und Cello (Arnold Ilg) in “Four” von John Cage ein Gespräche verstummen lassendes Kraftfeld.

Vor dem aus finsteren Gestalten und gleißenden Neontönen komponierten Großformat „Horde“ von Daniel Richter zelebrierten Berta Bermejo Moya (Oboe) und Czilla Kecskés Àvéd (Cello) die „Ost-West-Miniaturen“ von Isang Yun: auch sie schildern Beängstigendes, aber aus der unerschütterlichen Perspektive einer erhabenen Ruhe. Mit großem, unterm Spielen noch wachsendem Charisma schufen die beiden jungen Musikerinnen einen mächtigen Kontrapunkt zum bedrohlichen Bild.

DORIS KÖSTERKE