Zender, Schubert, Winterreise

Schuberts Freunde reagierten erschüttert auf die Uraufführung seiner „Winterreise“. Heute gehören die 24 Lieder, in denen ein verschmähter Liebender zunehmend lebens­müde seinen Schmerz besingt, zu den größten Kassenschlagern des klassischen Musikmarkts. Hans Zender (1936-2019) wollte dem Liederzyklus etwas von seiner ursprünglichen Wirkung zurückgeben, als er den Klavierpart zu einem geräuschnahen Orchesterstück für 24 Instrumentalisten ausweitete. Im Rahmen der „Frankfurter Positionen“ sandte das Ensemble Modern ein Lifestream von Zenders Lesart von der Einsamkeit des Romantikers aus dem Schauspiel Frankfurt in die Corona-Einsamkeiten im Rest der Welt.

„Eine komponierte Interpretation“

„Eine komponierte Interpretation“ hat Hans Zender seine Aktualisierung von ›Schuberts Winterreise‹ überschrieben. Eine Interpretation, so Zender, ist immer auch Mitautorschaft: ein Interpret stellt sich den Herausforderungen des Notentexts auf seine eigene Weise, prägt das Erklingende mit seiner Persönlichkeit und seiner Intelligenz, macht seine Lesart des Werkes zu einer Botschaft an seine Zeitgenossen. Aber bei Schubert, den er sehr mochte, schien Zender keine Interpretation an das heranzureichen, das der Komponist mutmaß­lich beabsichtigt hatte. Ob seine klangli­chen Illustrationen von knurrenden Hunden, knirschendem Eis oder Halluszinations-Atmosphären dies leisten, bleibt Geschmackssache.

Dass Zenders „Winterreise“ zu seinen beliebtesten Werken gehört, scheint eher dem Erfolgsrezept „Aus alt mach neu“ geschuldet. So hat Zender den Gesangspart nur selten angetastet. Der in Frankfurt geborene lyrische Tenor Julian Prégardien, Lied-Experte in zweiter Generation, gab der Aufführung ein kontemplatives Rückgrat, an dem die Orchestrierung sich reiben konnte.

Die bisweilen „Mahler-isch“ klingenden Holzbläser hatten bisweilen auch die Windmaschinen zu bedienen, oder in eine möglicherweise dem Kinderzimmer entlehnte Melodica zu pusten. Auch Harfenistin und Gitarrist hatten je eine Windmaschine und darüber hinaus ein Regenblech zu bedienen. Die Posaune fügte sich bisweilen so geschmeidig in die Gesangsstimme, dass es klang, als sänge Pregardien auch mehrstimmig. In der tiefen Lage des Xylophons dargestellt wirkten die schweren Schritte des Wanderers besonders markant. Aufhorchen ließen die in drei verschiede­nen Tempi parallel scheinenden „Nebensonnen“.

Aktualität

Wenn der Wintersturm dem Sänger buch­stäblich die Sprache abreißt, wird eine Verbindung hergestellt zu einer Welt, die sich rächt, weil man mit dem Appell, auf Komfort und Privilegien zu verzichten, um die Zerstörung unserer Lebensgrundlage zu verlangsamen, weder Geld verdienen, noch Wahlen gewinnen kann.

Die Gänge der Musiker durch den Zuschauerraum, die Zender in der Partitur vorschreibt, waren mit dem derzeitigen Hygienekonzept nicht zu vereinbaren. Aber die raumklanglichen Effekte hätten sich in der limitierten Möglichkeiten des Life­streams ohnehin nicht abbilden lassen. Doch auch wer dessen Lautstärke mit Rücksicht auf die Nerven seiner Mitbewohner immer wieder nachjustierte, spürte die beißende Ironie und Intensität, die Daniel Cohen herausarbeitete, ohne immer wieder in jene schmerzhaften Gefilde vorzudringen, die das Dirigat Zenders gekennzeichnet haben.

Ob Zenders Interpretation schlüssig ist, die etwa den Leiermann klanglich auf einer endlosen Eisfläche versinken lässt, mögen die beurteilen, die sich als Übende und Aufführende tiefer damit auseinandergesetzt haben ein als vergleichsweise distanzierter Rezensent.

DORIS KÖSTERKE