Musikalische (Bio-)Diversität

Das One Earth Orchestra im Dialog mit Musikkulturen Südamerikas (Februar 2017)

 

Von Beruf ist Volker Staub Komponist. Darüber hinaus sagt er mit Albert Schweitzer: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“. – „Ich liebe Natur“, sagt Staub, „vor allem ihre unendliche Variation: Das Prasseln des Regens klingt einförmig und besteht dennoch aus unendlich vielen Klangereignissen, die sich nie wiederholen. An einem Baum gleicht jedes Blatt den anderen und hat doch eine individuelle Form, wie unsere Gesichter“. In seinen Kompositionen und Klanginstallationen versucht Volker Staub, diese „unendliche Variation“ musikalisch erfahrbar zu machen. Nicht nur aus ästhetischen Gründen: „Diese Variabilität stabilisiert unser Ökosystem als Ganzes. Die Vielfalt macht Lebensformen überlebensfähiger“.

Eines Tages wurde Volker Staub von einem Freund gefragt, ob er nicht ein Konzert auf der UN-Biodiversitätskonferenz in Hyderabad in Indien (COP 11/2012) geben wollte. Dieser Freund besuchte regelmäßig die Umweltkonferenzen der vereinten Nationen und meinte, bei der Länge und Spröde dieser Verhandlungen sei es kein Wunder, wenn oft nur schwache Einigungen erzielt würden. „Kunst und Musik könnten da Mitgefühl und Fantasie reinbringen“. Volker Staub war nicht sofort begeistert. „Ich dachte: Meine Musik soll als Kunst für sich stehen und nicht dafür benutzt werden, erschöpfte Politiker zu vitalisieren“. Aber schließlich war er doch bereit, es zu versuchen: „Meine Liebe zur Lebensvielfalt war stärker als die Lieber zur Autonomie der Kunst“, schmunzelt er.

Also suchte er (erstklassige!) Musiker zusammen, die sich mit ihm auf dieses Wagnis einlassen wollten und entwickelte ein Programm, das den Zusammenhang von biologischer und kultureller Lebensvielfalt musikalisch erlebbar machte. Natürlich enthielt es auch Kompositionen von Volker Staub. „Wir erhielten die Genehmigung, auf dieser Konferenz zu spielen, bekamen weitere Einladungen, in Indien Konzerte zu geben und ich konnte auch das Geld für die Tour auftreiben“. Damit war das One Earth Orchestra geboren. Und wenig später ein Großprojekt mit dem Titel „Along the Spine“. Der Titel lässt an das Rückgrat der Erde ebenso denken, wie an volkstümliche Ausdrücke wie Rückgrat zeigen oder Rückgrat stärken.

„Viele Indigene nennen die von Feuerland bis Alaska reichenden Gebirgszüge der Kordilleren die Wirbelsäule der Erde“, erzählt Volker Staub. „Eine Medizinfrau der chilenischen Mapuche erzählte mir, nach einem Mythos ihres Volkes würde in diesen Gebirgszügen eine riesige Schlange aus Licht schlummern. Die Mapuche und, wie ich später erfuhr, auch die Q´eros in Peru, haben die Vorstellung, durch Zeremonien und Musik diese Schlange zu erwecken, damit sie mit ihrer Lebenskraft und Weisheit die Erde und ihre Bewohner beschützt“.

Die Musik ist also zugleich Ausdruck und Mittler für einen nachhaltig verantwortungsbewussten Umgangs mit der Um- und Mitwelt. „Viele indigene Kulturen pflegen eine weise Dankbarkeit für das Leben, eine liebevolle Beziehung zu Mutter Erde, pachamama“, sagt Staub beeindruckt.

Im Projekt „Along the Spine“ will das One Earth Orchestra in mehreren Etappen das gesamte Rückgrat der Erde entlang reisen, die musikalische Vielfalt der indigenen Kulturen würdigen und dokumentieren, die Musik von „unten“ nach „oben“ tragen und so den indigenen Kulturen „den Rücken stärken“.

Im Februar/März 2015 reiste das One Earth Orchestra durch Chile und Peru, dokumentierte die musikalische Vielfalt, gab Konzerte und musizierte zusammen mit verschiedenen Populationen der Ureinwohner Südamerikas. Wie ging das? – „Nur durch gemeinsames Zuhören, Einfühlen, Nachspielen und Improvisieren“, erzählt Volker Staub. „Diese Kulturen haben ja keine Notenschrift oder einheitlich gestimmte Instrumente. Bei den Q´eros z.B. spielt jeder auf seiner individuell gebauten Flöte. Es gibt keine einheitliche Stimmung, keine einheitlichen Melodien oder Rhythmen. Ihre Musik ist unendliche Variation“. Regelmäßige Trommelrhythmen, heißt es, würden die Indigenen mit der Militärmusik der spanischen Eroberer verbinden und deshalb ablehnen. In jedem Falle schafft das gemeinsame Musizieren eine sehr viel breitere Basis des Verständnisses, als bloße wissenschaftliche Feldforschung. „Mancherorts ist es dafür schon zu spät. Als wir im chilenischen Feuerland mit Familien der Yagan zusammentrafen, deren Kultur älter ist, als die der Inka, fragte ich nach deren Musik. Die Älteste antwortete, dass ihre vor zwei Jahren verstorbene Schwester die letzte Musikerin des Stammes war und mit ihr auch die Musik der Yagan gegangen ist. Die Yagan sind Anfang des 20. Jh. von weißen Siedlern nahezu ausgerottet worden. Anfang des 21. Jahrhunderts ist ihre Musik verstummt, so wie Stimmen ausgerotteter Tierarten verstummen“, sagt Volker Staub bitter.

Die Kontakte zu den Ureinwohnern Südamerikas fand Volker Staub über die verschiedensten Wege: „Bei den Mapuche in Südchile war es Dominique Thomann, die jetzt Managerin des Opernorchesters in Santiago ist. Bei den Q´eros in Cusco waren es der Reiseveranstalter Günter Hane, ein alter Schulfreund von mir. Außerdem halfen uns die US-amerikanische Musikethnologin Holly Wissler und viele andere. Wir hatten Projekte mit der chilenischen Gesellschaft für Biodiversität und wohnten einige Tage in einer Forschungsstation am Kap Horn“.

Die zweite Etappe ist bereits fest geplant: Vom 24. Februar bis 12. März 2017 reist das One Earth Orchestra nach Ekuador und Costa Rica. Wieder ist es ein Non-Profit-Projekt, das viele Partner in Deutschland und Südamerika unterstützen. Aber es fehlt noch Geld und Volker Staub hat einen privaten Spendenaufruf gestartet. Ist es nicht waghalsig, so ein Projekt verbindlich zu planen, bevor die Finanzierung steht? – „Das Projekt ist für mich Lebensaufgabe und Verpflichtung“, sagt Volker Staub entschieden. „Ich versuche, mein Leben so zu organisieren, dass es möglich wird. Die Kosten der Reise können wir stemmen. Unser Spendenaufruf gilt der Dokumentation. Über unsere erste Etappe haben wir eine CD erstellen können, die über unsere Website erhältlich ist. Und ich bin überglücklich, wenn wir nach Beendigung der Tour in Alaska Ton-, Bild- und Filmdokumente haben, die einer zunehmend globalisierten Welt diese reizvolle und inspirierende musikalische Vielfalt zeigen. Und ja, man braucht Rückgrat und viele Helfer, um so ein Projekt Wirklichkeit werden zu lassen“.

DORIS KÖSTERKE
Januar 2017

 

Info:

Volker Staub wurde 1961 in Frankfurt geboren. Er studierte in Köln und Darmstadt, unter anderem bei Johannes Fritsch. In seinem Schaffen verbindet er oft Klangforschung in Umwelt und Natur mit zeitgenössischer Musik. Sein Schaffen wurde mit vielen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter Hessischer Kompositionspreis und Villa Massimo Rom. Er lebt in Neu-Isenburg.

 

Spendenkonto: IBAN: DE76 5004 0000 0409 8943 00; BIC: COBADEFFXXX. Kontoinhaber: Volker Staub, One Earth Orchestra, Verwendungszweck: Along the Spine.

 

Weiterführende Links:

http://www.one-earth-orchestra.de.

https://de.wikipedia.org/wiki/Volker_Staub

www.volker-staub.de

http://www.youtube.com/channel/UCAqfZD9bwdoTGez_lKdA8jg

https://www.facebook.com/pages/One-Earth-Orchestra/699019210195487.

DORIS KÖSTERKE