Von Rainer Riehn reduziertes Lied von der Erde

Das Parkett im Wiesbadener Friedrich-von-Thiersch-Saal glich einer Excel-Tabelle mit fünf luftigen Spalten und nicht ganz gefüllten sieben Zeilen. Die 18 Musiker auf der Bühne saßen deutlich dichter beieinander. Corona hin, behördliche Beschränkungen her: Das Hessische Staatsorchester und GMD Patrick Lange hatten beschlossen „WIR spielen“. Die ursprünglich geplante Sechste Symphonie von Gustav Mahler war unter den gegebenen Auflagen nicht durchführbar. Wohl aber die Kammermusik-Fassung von Mahlers „Lied von der Erde“.

Arnold Schönberg hatte vor, das in symphonischen Klangfarben schwelgende Werk auf eine Besetzung zu reduzieren, die für seinen „Verein für musikalische Privataufführungen“ bezahlbar gewesen wäre. Wie zuvor in Mahlers „Liedern eines fahrenden Gesellen“ skizzierte er in Mahlers Partitur, welche Aufgaben er welchen Instrumenten übertragen wollte. Aber dem Verein waren die Mittel bereits ausgegangen, als Schönberg etwas über die Hälfte des ersten (von sechs) Liedern kondensiert hatte. Rainer Riehn (1941-2015) hat die Arbeit für eine Aufführung mit seinem Ensemble Musica Negativa mehr als sechzig Jahre später zu Ende geführt und im Band 36 der von ihm mit herausgegebenen „Musik-Konzepte“ beschrieben.

Ob die Bearbeitung gelungen ist oder nicht, steht hier nicht zur Debatte. In jedem Falle müsste eine Interpretation in kammermusikalischer Besetzung mit ihren reduzierten Mitteln der klanglichen Absicht des Originals nachspüren. Das war hier allenfalls ansatzweise gelungen. Überraschend stimmig, sowohl in der Vorstellung der Bearbeiter, als auch in der Realisation des Abends, war die Imitation des Klangs der beiden Harfen durch zwei Klarinetten (Adrian Krämer, Dörthe Sehrer). Überwiegend gelungen waren die tragenden Rollen von Flöte (Mátyás Bicsák) und Oboe (André van Daalen), von nachwirkender Schönheit die Englischhorn-Partie von Franz-Josef Wahle im letzten Lied. In seinen 37 Jahren Dienstjahren im Staatsorchester hat der 1954 in Köln geborene Oboist dem regionalen Musikleben so manche Sternstunde beschert, an der er wohl selbst die größte Freude hatte. Nach der Wiederholung dieses Konzerts am 2.7. tritt er in den Ruhestand, in dem er hoffentlich noch weiter öffentlich musiziert.

Eigens für dieses Konzert verpflichtet war der Geiger Juraj Cizmarovic. Er erfüllte seinen Part mit großer Hingabe und dem fein aufblühenden Ton seiner Violine von Nicolo Gagliano aus dem Jahr 1761. Doch im ersten Lied wurde er vom Tenor Klaus Florian Vogt überbrüllt, zu Beginn des zweiten von der Oboe übertönt. Erst im letzten Lied ergaben sich beglückende Wechselwirkungen mit den Holzbläsern.

Den Bravo-Hagel nach der Aufführung hatte vor allem der Bariton Michael Volle verdient. Anders als sein Tenor-Kollege schien er Texte und Musik verstanden und verinnerlicht zu haben, die er mit dem angenehmen Timbre seiner in den Höhen lyrisch-tenoralen Stimme berührend vermittelte.

DORIS KÖSTERKE

 

Das Konzert wurde vom Hessischen Rundfunk life gesendet, ein Mitschnitt aufgrund von Mängeln bei der zeitlichen und klanglichen Koordination der Musiker, schon im noch vergleichsweise übersichtlichen Beginn des Werkes, hoffentlich sofort vernichtet.

Daniel Cohen und das Solo für Mobiltelefon

Mit launigen Worten baute Dirigent Daniel Cohen seinem Publikum eine Brücke zum nicht alltäglichen Programm: Alle drei im Zweiten Sinfoniekonzert im Großen Haus des Staatstheaters Darmstadt erklingenden Werke seien Musik über Musik. Zur Illustration ließ er die Musiker des Staatsorchesters Darmstadt den Bach-Choral „Es ist genug“ singen, in dem Alban Berg sein Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“ gipfeln lässt. …weiterlesen