Camping als Lebens-Kunst

Campen kann elitär sein.

Nicht nur, wo teure High-Tech-Ausrüstung finanzielle Potenz demonstriert.

Sondern vor allem da, wo der Verzicht auf Gewohntes als Stärke und als Geste der Überlegenheit empfunden und genossen wird.

Es ist eine künstlerische Leistung, sein Gepäck auf ein Minimum zu beschränken. Wobei es selten um ein absolutes Minimum geht.

Vor Jahren las ich eine Anleitung, wie in extremen Höhenlagen mit dem reduzierten Equipment eines Extrembergsteigers ein Kuchen zu backen sei, nebst einer Tabelle für die Dosierung von Backpulver in Korrelation zum abnehmenden Luftdruck.

Das öffnete mir die Augen für einen Wesenszug des Campings:

Selbst wer mit vollgepacktem Auto zum Campingplatz fährt erlebt das dialektische Verhältnis zwischen dem, was man zu brauchen meint und dem, was man transportieren kann.

Das gilt umso mehr für jemanden, der sein Gepäck über weite Strecken im Rucksack trägt.

Camping ist nicht zuletzt eine Suche nach dem ganz individuellen Wesentlichen, das immer auch ein wenig Luxus mit einschließen kann. Es gibt Ästheten, die auch der bescheidensten Mahlzeit ein gepflegtes Tuch unterlegen, oder das Messing ihres Primus-Kochers auf Hochglanz polieren.

Manches Minimalgepäck birgt mindestens ein gutes Buch. Mancher bewahrt sich am Grunde seines Rucksacks eine Kerze, oder einen feinen Tropfen, oder Schreibzeug und Papier, oder ein sorgsam gebügeltes Hemd.

Kaum etwas ist beim Wandern und beim Camping so hinderlich, wie ein Musikinstrument. Aber die Klampfe gehört für viele unbedingt mit auf große Fahrt.

Man muss kein Philosoph sein, um das Campen zu lieben. Aber es bereichert ungemein.

Und wer nach langer Fahrt in einer Badewanne schwelgt und sich danach etwas Feines munden lässt, hat Epikur verstanden.

2012