Renate Mundi und die Königin

Musik kann dahinplätschern. Wie Gespräche auch. Aber in Gesprächen, wie in der Musik, können Zwischentöne und kleine Widerhaken signalisieren: eigentlich will ich mit dir nicht nur Konversation treiben. Als Gegenüber kann man über diese Signale hinweggehen. Oder man ist wach und neugierig genug, um darauf einzugehen.

Die in Frankfurt lebende Gambistin Renate Mundi ist für solche feinen Signale ganz besonders empfänglich.

Renate Mundi und die Knobelstellen

Sie spricht von „Knobelstellen“, wo viele anderen Musiker drüber hinwegspielen würden, denn Tonhöhe, Rhythmus, Tondauer stehen eindeutig in den Noten. Doch Renate Mundi fragt tiefer: Welcher Affekt steht dahinter? Was will der Komponist damit sagen? Wie kann ich das ausgestalten, damit ein Zuhörer nicht einfach nur fragt: „Ja, und?“.

Ursprünglich hat sie an der Frankfurter Musikhochschule modernes Cello studiert und sich bald für Alte Musik begeistert: „Man macht dort nicht einfach, was der Lehrer sagt, sondern befasst sich von Anfang an selbständig mit den Quellen“, sagt sie im Gespräch mit dieser Zeitung. Sie ist nach wie vor eine vielfach gefragte Barock-Cellistin. Doch ihre besondere Leidenschaft gilt der Gambe.

Nur eine „bucklige“ Verwandschaft

„Die Gambe wird oft als Cello-Vorläufer hingestellt. Das ist sie nicht“, sagt Renate Mundi mit Nachdruck. Aus Sicht der Gamben erscheint die Violinfamilie (dazu gehören Geige, Bratsche und Violoncello, während der Kontrabass tatsächlich vieles mit der Gambe gemein hat) wahrscheinlich als die lärmend brillierenden Neureichen. „Gamben sind die alten Adligen. Sie sind viel feiner gebaut“, sagt Renate Mundi. Die Resonanzdecke der Gambe ist nur halb so dünn, wie bei einem Cello. Ein Cello hat Klangstärke, füllt große Räume. Eine Gambe ist mit dem Herrscher allein auf der Kammer, schafft Vertrauen und Erbauung. „Und nun schau dir doch mal diesen Kopf an!“ – Wo die Mitglieder der Violin-Famile eine kunstvoll geschnitzte Schnecke tragen, trägt die Gambe einen noch kunstvoller geschnitzten Kopf. Renate Mundis Gambe ziert der einer jungen Frau mit feinen, edlen Zügen voll heiterer Gelassenheit.

Königin der Streichinstrumente

„Die Gambe ist näher mit der Laute verwandt. Einerseits in der Stimmung in Quarten und einer Terz“, erzählt Renate Mundi. Vor allem aber in der Rolle, den die Resonanz spielt.

Resonanz zunächst im Instrument selbst: Die Gambe hat Bünde, wie auch die Laute. „Das lässt die gegriffene Saite so klingen wie eine leere. Und erleichtert das Akkordspiel. Das spielt bei der Gambe häufiger eine Rolle, als beim Cello“. Im Gegensatz zu den Bünden der Gitarre kann man die der Lauten und Gamben verschieben, um sich der natürlichen Struktur der Obertöne in der jeweiligen Tonart anzunähern. Auch das vertieft die Resonanz. „In historischen Stimmungen kann der Unterschied zwischen etwa gis und as, die man auf dem Klavier mit derselben Taste spielt, ziemlich groß sein. Für diese Fälle sind die Bünde teilbar“, erzählt Renate Mundi.

Zur Resonanz im Instrument selbst tritt die Resonanz im Spieler, im Raum und im Hörer. Wenn man Renate Mundi zuhört, wie sie genussvoll über die sieben Saiten ihres Instruments streicht, das Françoise Bodart nach einem historischen Vorbild von Guillaume Barbey gebaut hat, den die großen Gambenvirtuosen Marin Marais und Jean-Baptiste Forqueray aufs Höchste schätzten, dann spürt man, wie sie sich selbst über jeden wohlgestimmten Ton und seine Resonanzen freut und wird innerlich ganz ruhig. Während die Musik ihren Lauf nimmt, wird die innere Harmonie immer fester und alles, über das man sich zuvor aufgeregt hat, klein und unbedeutend. „Gambe spielen macht süchtig“, sagt auch Renate Mundi. „Wo spürst du den Klang?“ – „Überall“, antwortet sie, weise, um von sieben Sinnen keinen auszuschließen.

Renate Mundi und Corona

Wie sie die Corona-Beschränkungen übersteht? – „Ich unterrichte viel. Aber so ein Online-Kontakt ist kein dauerhafter Ersatz für das direkte Miteinander mit meinen Schülern. Manches geht, vieles nicht. Und das Konzertpublikum fehlt mir total. Wenn Zuhörer im gleichen Raum sind, kommt sehr viel Energie zurück. Besonders, wenn man ihnen ein bisschen was erzählt. Da hat man mehr Blickkontakt als beim Spielen“.

Kürzlich hat sie ihre erste CD aufgenommen, die zwölf Fantasien für Viola da Gamba von Georg Philipp Telemann (1681-1767). Geschrieben 1735, als die Blütezeit der Gambe eigentlich schon vorüber war, lassen sich Einfallsreichtum, Farbigkeit und spieltechnische Raffinessen der meist dreisätzigen Fantasien an Bachs Solosuiten messen. Telemann, der 1712-1721 Musikdirektor in Frankfurt war, zeigt sich darin in all seinen Facetten, vom kühnen Feuerkopf zum Routinier der Aneignungen, etwa von polnischer Volksmusik.

Tiefe des Augenblicks

Beim Hören der Aufnahme prescht ein ungeduldiger Zuhörer bisweilen in seiner Erwartungshaltung voraus. „Ich habe viel über die musikalischen Gestaltung und die Wahl der Tempi nachgedacht und versucht immer so zu spielen, dass der Hörer nachvollziehen kann, was geschieht“, erzählt Renate Mundi: Eine Einladung, auf die Zwischentöne und die kleinen Widerhaken zu hören, mit denen Telemann besonders in den langsamen Sätzen sagt: ich will mit dir nicht nur Konversation treiben. Renate Mundis Interpretation ist eine klangliche Einladung in die Tiefe von Emotionen und des Augenblicks. Wenn man sich darauf einlässt, tut es unglaublich gut.

DORIS KÖSTERKE
November 2020

 

Georg Philipp Telemann, 12 Fantasien für Viola da Gamba solo. Renate Mundi. Perfect Noise, LC 52676, ©&P 2020.