Cellistin Annie Jacobs-Perkins

Wenn man der Cellistin Annie Jacobs-Perkins beim Spielen zusieht, spürt man: Hier spielt der ganze Mensch, kraftvoll, freudig, mit frappierender Technik, sichtbarer Phantasie, emotional, mental und körpersprachlich präsent.
Ihre Liste an gewonnenen Wettbewerben und Auszeichnungen, Auftritten mit renommierten Orchestern und Musikerpersönlichkeiten ist lang und ab Januar 2026 wird sie, nach einem langen und aufwändigen Auswahlverfahren, festes Mitglied im Ensemble Modern, als Nachfolgerin von Michael M. Kasper.

Ensemble Modern

„Das Ensemble Modern war mir schon früh ein Begriff und spätestens in meinem Studium in Los Angeles, etwa 2018, dachte ich, dass es toll wäre, da mitzuspielen“: Das Solistenensemble entspricht ihrer Leidenschaft für Kammermusik: „Man macht etwas mit anderen zusammen und hat trotzdem seine eigene Stimme“. Mit lebenden Komponisten zusammenzuarbeiten, wie es im Ensemble Modern üblich ist,  gehört ohnehin zu den lohnendsten Erfahrungen ihrer Karriere. „Die kann man einfach fragen, was sie wie gemeint haben“. Dass das Ensemble Modern immer wieder neue Stücke aufgreift, entspricht ihrem Ideal vom lebenslangen Lernen. „Es würde mich nicht reizen, ein Leben lang Repertoirestücke zu spielen“, sagt sie.

Musik und andere Künste

Unmittelbar vor diesem Gespräch hatte sie zusammen mit Posaunist Uwe Dierksen und Hornist Thomas Mittler einen Schulworkshop mitgetragen, bei dem es um freie Improvisation ging. „Das war ganz neu für mich und ich fand es toll, wie wir mit den Schülern zu einer Gemeinschaft verschmolzen sind“, sagt sie. Musik sei die erste Sprache überhaupt und unmittelbar verständlich. Wobei auch jede andere Kunst geeignet sei, Empathie zu schaffen. So gilt ihr besonderes Interesse dem Interdisziplinären, etwa das „Gemischte Doppel“, eine Veranstaltungsreihe, in dem jeweils ein Mitglied des Ensemble Modern mit jemandem aus den Bereichen Malerei, Film, Wort oder Tanz zusammenwirkt.

Geschichte und Gegenwart

Ein Gespräch mit Annie erinnert an einen sich weit und kunterbunt auffächernden Blumenstrauß mit seinem allen Blättern und Blüten gemeinsamen Schaft: Im Grunde sei es doch das Gleiche, sagt sie, ob sie mit ihren Hunden spielt, dass auch sie ein Hund sei, oder sich ein Stück von Robert Schumann oder Wolfgang Rihm erarbeitet: „In allen Fällen versuche ich, mich in den Anderen hineinzuversetzen, versuche seine Emotionen, seine Gedankengänge und seine wie auch immer ‚sprachlichen‘ Mittel nachzuahmen“. Dabei nennt sie Schumann (1810 – 1856) und Rihm (1952-2024) ganz bewusst in einem Atemzug: Wenn man nur Gegenwartsmusik spielt und die frühere ausblendet, sei man doch wie ein Baum, der keinen Kontakt zu seinen Wurzeln hat.

Werdegang

Ihrem Bachelor-Studium an der University of Southern California in Los Angeles folgten Master-Abschlüsse am New England Conservatory in Boston und an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin. Darauf setzte sie noch ein „Artist Diploma“ der Berliner Barenboim-Said-Akademie. Nach Deutschland war sie gegangen, weil es ihr Angst machte („because it scared“): Grund genug, diese Hürde zu nehmen. Während der ohnehin verrückten Covid-Zeit hatte sie sich gedacht: Jetzt oder nie!

Leben als Ausdruck ihrer Werte

Annie Jacobs-Perkins möchte eine sehr gute Cellistin sein, aber nicht nur das. Sie möchte ihr ganzes Leben zu einem Kunstwerk machen, zu einem konsequenten Ausdruck ihrer Werte. Sie möchte Ihr oberster Wert ist Aufrichtigkeit. Und Kommunizieren, mit anderen ins Gespräch kommen, über Musik und darüber hinaus.

Seelenverwandtschaften und Tattoo

Zu ihren Rollen-Vorbildern zählt sie George Eliot, Veronica Franco oder Jane Austen. „Das waren Frauen, die über das Leben ihrer Zeit geschrieben haben, während sie selbst ganz anders gelebt haben. Damit konnten sie auch andere ermutigten, anders zu leben“ – Avantgardistinnen halt. Auf ihrem Oberarm trägt sie die gleiche Tätowierung, wie die junge Frau, deren Mumie im Jahre 1993 auf der sibirischen Halbinsel Ukok gefunden und nach rund 2.500 Jahren aufgetaut wurde: Einen kraftvollen jungen Hirsch, der in übermütiger Freude seine Hinterbeine nach oben wirft und gleichzeitig seinen Kopf mit dem prächtigen Geweih wie in Demut gesenkt hält. „Zu ihrer Zeit war diese junge Frau zweifellos sehr hoch geachtet. Und mein Tattoo erinnert mich daran, wie ich sein will: ein engagiertes Mitglied der Gemeinschaft, fröhlich, bescheiden und stark“.

Haudenosaunee

„Als Künstler, finde ich, soll man auch die Schönheit bewahren, die es schon gibt. Vor allem in der Natur“, sagt sie. In der Nähe von Rochester, New York, wo sie 1997 geboren wurde, leben die Haudenosaunee („Leute des Langhauses“), indigene Nationen der irokesischen Sprachgruppe. „Ihre Weltsicht, nach der alles mit allem zusammenhängt, hat mich sehr beeindruckt. Auch, wie sie sich kleiden und ernähren und welche Anbaumethoden sie haben. Das alles habe ich als Ideal für mein Leben auch mit nach Deutschland genommen“. „Fast Fashion“ ist für sie tabu. Nachhaltig und regional erzeugte Lebensmittel findet sie auf dem Wochenmarkt und sucht auch selbst nach essbaren Pflanzen: Brennnesseln, köstlich als Gemüse wie als Tee, gibt es überall. Und ganz in der Nähe der Deutschen Ensemble Akademie in der Schwedlerstraße, dem Sitz des Ensemble Modern, auch einen prächtigen Kirschbaum.

DORIS KÖSTERKE im Dezember 2025

 

Youtube-Videos: Kurzportrait mit Michael Essl,›Chorale‹ (2025):https://www.youtube.com/watch? v=wT6Mz7-xEgk – J. S. Bach, Vierte Cello Suite BWV, I. Prelude:https://www.youtube.com/watch? v=57V9U8zha6Q