ROTOR #5 im Frankfurter Städel

Sechseinhalb Stunden Programm mit zeitgenössischer Kunst und Musik, Klangkunst und DJ-Set

Drei Sorten Publikum vereinte ROTOR #5 im Städel, zwei davon in den unterirdischen Gartenhallen: An zeitgenössischer Kunst Interessierte ließen sich von in rot gekleideten jungen Damen etwa auf Hermann Glöckners Rechteck-Faltungen, auf Wolfgang Tillmanns Phantasieanregendes paper drop oder auf Adolf Luthers Virtuelles Bild aus Hohlspiegeln aufmerksam machen. Dazwischen erlebte man einen Klassiker der Neuen Musik, Kontakte von Karlheinz Stockhausen. Darin kommunizieren ein Pianist und ein Schlagzeuger mit einem Tonband, das, 1958-60 im Studio des WDR produziert, zu den Pionierwerken der elektronischen Musik zählt. Stockhausen hat dafür verschiedene Schlagtechniken unter die akustische Lupe genommen. Also beispielsweise bei einem Schlag mit einem weichen Schlegel auf einen Gong analysiert, wie der Klang einsetzt und welche Obertöne sich darin stapeln. Diesen Vorgang hat er mit elektronischen Mitteln nachgebildet. Und natürlich auch fantasievoll weiterentwickelt. Die mitunter menschlich-emotional wirkenden Äußerungen lässt er über vier Lautsprecher um das Publikum herum kreisen. Kompositionsprofessor Orm Finnendahl illustrierte: „Zu dieser Zeit gab es einen Impulsgenerator, der Knackse machte, einen Sinuston-Generator und Filter. Sonst nichts. Unter diesen Umständen war das Stück für Stockhausen zwei Jahre harte Arbeit.“ Zur harten Arbeit schöpferischen Sich-Reibens an engen technischen Grenzen gesellte sich die harte Arbeit der Aufführung. An 18 Lautstärkereglern begleitete Florian Zwißler die virtuosen Aktionen von Benjamin Kobler (der neben dem Klavier noch einige Perkussionsinstrumente zu bedienen hatte) und dem Perkussionisten Dirk Rothbrust und in der durch das Publikum stark veränderten Akustik. In der Verständigung mit dem Klangregisseur kämpfte Dirk Rothbrust mit einem Wackelkontakt im Kopfhörer. Und gerade dieser Überdosis Adrenalin schien der Aufführung eine besondere Intensität zu verdanken, während in höher gelegenen Gefilden des Städels der Lärm von Menschenmassen wuchs, die die DJ-Party erwarteten.

Im Kontrast zu dem regen Umherspringen der Stockhausen-Interpreten stand Wolfgang Voigt äußerlich wie eingefroren vor seinem Laptop und zelebrierte seine gut einstündige Komposition Rückverzauberung. In der Akustik der Gartenhallen konnte man sie auch mit den Fußsohlen „hören“. Mit wechselnden vagen Andeutungen im Schatten dumpfer Rhythmen fühlte man sich an eine surrealistische Zugfahrt durch verschlierende Klanglandschaften aus entfernten Orchester- und Opernstimmen und quasselnden Menschenmassen erinnert. Oder an eine schnelle Fahrt mit dem Flugzeug über die Rollbahn, in der man vergeblich darauf wartet, dass der Magen Richtung Steißbein drückt. Die Schluss-Stretta schließlich wirkte wie eine Tunnelfahrt in einem Hochgeschwindigkeitszug mit kaputten Fenstern.

Die Klangaktionen von DJ Ellen Allien schienen im Prinzip ähnlich gebaut. Nur, dass die Klanglandschaften lieblicher waren und die junge Blonde sich anmutig in ihnen bewegte. Doch nach vier Stunden Zuhören fiel es zunehmend schwer, die Geräuschkulisse des Publikums zu ignorieren, das die künstlerische Leistung primär als Stimulans zu lautstarker Selbstdarstellung zu konsumieren schien.

DORIS KÖSTERKE