Re-inventing Smetak

Re-inventing Smetak – Vier Uraufführungen durch das Ensemble Modern im Mozart Saal
(25.2.2017)

 

Begeisterung schlug den Musikern des Ensemble Modern und Komponisten entgegen, wo immer sie in Brasilien nach Walter Smetak (1913–1984) fragten. Das internationale Projekt „Re-inventing Smetak“ ermöglichte es vier Komponisten, aus einer Beschäftigung mit Smetak heraus eigene Kompositionen zu schaffen, die im Mozart Saal durch das Ensemble Modern ihre Uraufführung erlebten. Ursprünglich hatte der Musikwissenschaftler Max Nyfeller auf den vielseitigen Vorkämpfer einer Brasilianischen Gegenkultur aufmerksam gemacht, der das Bewusstsein von Menschen erweitern wollte.

Das Einführungsgespräch mit Max Nyffeler fand unter einer Hüttendach-ähnlichen Bambuskonstruktion statt. Der Komponist Arthur Kampela spielte damit in „…tak-tak…tak…“ an den Gemeinschaftsgedanken Smetaks (Spitzname: „Tak-tak“) an: die Konstruktion verband verschiedene (unorthodoxe) Instrumente miteinander, so dass, wenn eins bedient wurde, auch andere mitschwangen. Leider ging dieser Effekt in einer allgemeinen Reizüberflutung der Geräuschkomposition unter.

Smetak war als von Anthroposophie und Theosophie inspirierter Cellist, Komponist und Orchestermusiker 1937 aus der Schweiz nach Brasilien emigriert. Ein kurzer Film von José Walter Lima zeigte einen ruhigen Menschen mit großer innerer Sicherheit. Er baute einfache Instrumente, die gleichzeitig ausdrucksvolle Skulpturen sind, oft mit Kalebassen. Ihre mikrotonalen Stimmungen verzichten auf tradierte musikalische Ordnungen. Sie intendieren eine voraussetzungslose und gemeinschaftsstiftende, meist improvisierte Musik. Damit wollte Smetak einen Zustand der Eubiose erarbeiten, in dem Menschen ausgeglichen und gut miteinander umgehen.

Dieser Gedanke schien die Komponisten dieses Abends wenig interessiert zu haben. Immerhin parallelisierte Lisa Lim kreisförmige Strukturen in Smetaks Instrumenten mit den gleichberechtigten sozialen Strukturen in brasilianischen Kreistänzen. Ihre Komposition „Ronda – The Spinning World“ (2016) ist ein gefälliges Stück. „Instrumentarium“ von Daniel Moreira gewann einen eigenen Reiz, indem es an ein selbsterschaffenes Video über Smetaks Instrumente gekoppelt war. Volvere (2017) von Paulo Rios Filho war ein lebhaftes Spektakel voller instrumentaler und stimmlicher Gefühlsausbrüche inmitten allgemeiner alegria. Doch obwohl Dirigent Vimbayi Kaziboni den Aufführungen noch eine eigene Faszination hinzufügte, konnten die vier Kompositionen nicht wirklich begeistern. Vielleicht, weil es Konstrukte waren und allein schon dadurch an die von Smetak intendierte Freiheit und Offenheit nicht heranreichen konnten, die sich eher in der Improvisation einstellt?

Weitere Aufführungen: in Berlin am 23.3.; in Brasilien: 1.7. in Rio de Janeiro, 5. São Paulo, 6. Campos de Jordão und am 12. an Salvador de Bahia.

DORIS KÖSTERKE