Schönbergs »Pierrot lunaire«

 

Das Merlin Ensemble Wien begeisterte auch im vierten und letzten Konzert seines Gastspiels bei den Internationalen Maifestspielen, im Foyer des Wiesbadener Staatstheaters. In Brechts erschreckend aktuellem, von Hanns Eisler (1898 – 1962) vertonten „Vielleicht-Lied“ kämpfte die Schweizer Schauspielerin Sylvie Rohrer noch mit der jede Textverständlichkeit zerstreuenden Foyer-Akustik. Im Folgenden nahm sie restlos für sich ein, als mit bezauberndem Charme orakelndes, androgyn piepsendes Fabelwesen.

Michael Mautner hatte die fünf für diesen Abend ausgewählten Brecht-Lieder, von Eisler für Gesang und Klavier geschrieben, ansprechend bunt für die gleiche Besetzung bearbeitet, die auch im Hauptwerk des Abends, in Schönbergs »Pierrot lunaire« op. 21, gebraucht wird.

Martin Walch hielt von seinem Pult aus mit Violine oder Bratsche in der Hand das geschmeidig aufeinander reagierende Ensemble (Sonja Korak, Flöte und Piccolo; Haruhi Tanaka, Klarinette und Bassklarinette; Luis Zorita, Violoncello und Till A. Körber, Klavier) in leidenschaftlich bebendem Fluss, auch in Hanns Eisler »Vierzehn Arten den Regen zu beschreiben« op. 70.

Der surrealistische, von Otto Erich Hartleben verdeutschte, mitunter bittere, sarkastische und sadistische Humor in Albert Girauds »Pierrot lunaire« passt nicht ins konventionell Schöne, Wahre, Gute. Und doch schrieb Anton Webern über die Gedichte an Alban Berg: „Sie sind sehr zart und schön“. Die Idee zu ihrer Vertonung stammte ursprünglich nicht von dem visionären Moralisten Schönberg, sondern von der Auftraggeberin und Interpretin der Uraufführung, Albertine Zehme. Auf sie geht auch der in diesem Werk erstmals zum Einsatz gebrachte Sprechgesang in „rhythmischer Deklamation“ zurück: Im lebensnah melodischen Sprechen wollte sie „dem Ohr seine Stellung fürs Leben zurückerobern“.

Der Sprechgesang von Sylvie Rohrer war an diesem Abend, wie von Schönberg gewünscht, gleichberechtigt in die Musik mit eingewoben. Mit ihrer sehr eigenen Gestik und Mimik (Regie: Hermann Beil) fügte sie Text und Musik noch eine weitere irritierende Ebene hinzu und hielt die Aufführung in einer unaufhörlich schwebenden poetischen Spannung.

DORIS KÖSTERKE