Gebote der Anarchie

Dies ist ein Text über konstruktive Anarchie. Nicht nur in der frei improvisierten Musik.
In der sich jeder für das Ganze verantwortlich fühlt und nach eigenem Ermessen sinnvoll dafür einsetzt.
Und in der niemand einem anderen Vorschriften macht, was er zu tun und zu lassen habe.
Er fußt auf Gesprächen mit dem Wiesbadener Improvisations-Ensemble „WIE?!“ (Dirk Marwedel, Ulrich Philipp, und Wolfgang Schliemann), sowie auf Gedanken von John Cage.

 


 

 

„ … when men are prepared for it, that will be the kind of government which they will have.“
Henry David Thoreau, On the Duty of Civil Disobedience

GEBOTE DER ANARCHIE

In der frei improvisierten Musik ist das Verhältnis der Musizierenden zueinander „anarchisch“ im ursprünglichen Sinne des Wortes von „ohne Herrschaft, ohne Führer sein“: Jeder Ausführende ist zugleich „Komponist“ und „Interpret“ – und mit diesen Funktionen tragen die improvisierenden Musiker auch deren Verantwortung.
Erstes Gebot der Anarchie:
Du sollst Dich für das Ganze mitverantwortlich fühlen.
Ganz bewusst ist hier nicht von „Freiheit“ die Rede, sondern von „Verantwortung“. Eine so verstandene musikalische Anarchie ist ein Spiegel für eine (utopische) gesellschaftliche Grundhaltung, in der jeder selbst beurteilt, in welcher Weise er seine persönlichen Fähigkeiten für ein allgemeines Gelingen einsetzen kann. Voraussetzung ist, dass man neben seinen eigenen auch die Möglichkeiten seiner Mitspieler im Blick hält.
Zweites Gebot der Anarchie:
Du sollst Deine Mitspieler achten, wie Dich selbst.
Bescheiden veranlagten Mitspielern muss man das anders herum sagen: Du sollst Dich genau so hoch achten, wie Deine Mitspieler. Eigenständigkeit gehört zu den unabdingbaren Voraussetzungen der Gruppenimprovisation.
Doch, wie im Rest des Lebens, sollte man bisweilen auch die Impulse anderer mittragen.
Drittes Gebot der Anarchie:
Du sollst einen Mittelweg suchen zwischen Individualismus und Opportunismus.
Um sich selbst ein Profil zu geben, halten sich manche Improvisatoren an einem Personalstil fest.
Doch dieser birgt die gleiche Gefahr, wie das Befolgen melodischer oder rhythmischer Muster in der so genannten idiomatischen Improvisation, nämlich, dass man sich mehr auf die Pflege des Idioms (und letztlich der Selbstdarstellung) konzentriert, als auf die „Tiefe des Augenblicks“.

Die Improvisation lebt jedoch davon, dass sich ihre Richtung in jedem Augenblick neu bestimmen lässt.

Das vierte Gebot der Anarchie:
Du sollst Dich nicht darauf verlassen, dass Menschen und Dinge so bleiben, wie sie sind.
Wenn eine feste Gruppierung von Musikern lange genug zusammen gespielt hat, liegt es nahe, dass sich unter ihnen bestimmte musikalische Verhaltensmuster einspielen, vergleichbar mit dem ritualisierten Miteinander alter Ehepaare. Doch ebenso sollte man das Unerwartete um des Unerwarteten Willen, Veränderungen um der Veränderungen Willen begrüßen.
Dies widerspricht im Kern einer Verschulung der Improvisation. Natürlich ist nichts dagegen einzuwenden, zu reflektieren, was stattfindet und aus welchen Gründen etwas als gut oder weniger gelungen empfunden wurde.
Dennoch sollte man offen sein und offen bleiben, wenn gute Musik allen Lehrmeinungen widerspricht.
Das fünfte und letzte Gebot der Anarchie:
Du sollst dich nicht hinter Wertmaßstäben verschanzen.

 

 


Der Text war die Quintessenz einer gleichnamigen Radiosendung von mir aus dem letzten Jahrtausend.
(„Gebote der Anarchie. Spielweisen frei improvisierter Musik. Eine Sendung von Doris Kösterke. Hessischer Rundfunk (hr2), „Neue Musik“. Gesendet: 18.2.1997, 20.30-22.00 Uhr.)

Carl Bergstrøm-Nielsen besprach die Thesen gern mit seinen Schülern und wünschte sich dafür ein handliches Format.
So fertigten wir im Januar und Februar 2014 gemeinsam dieses „Destillat“ an.
Dank Carl wurde der Text mittlerweile in fünf Sprachen übersetzt. Von ihm selbst (Englisch), Erik Christensen (Spanisch), Ewa Cichoń (Polnisch), Jean-Charles François (Französisch) und Roman Stolyar (Russisch). Allen an dieser Stelle großen Dank!
Für die Übersetzung  ins Tschechische danke ich dem in Wiesbaden lebenden Cellisten Jan-Filip Ťupa, der seinen Vater dafür gewinnen konnte.


Übersetzungen findet man hier: www.intuitivemusic.dk/iima/dk.htm